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Das System frisst seine Kinder gar nicht

von Oliver Hahr

Es wird warm. Weltweit. Na und? Ist doch schön: im ewigen Sommer wird die Welt bunter und die luftiger, findet Diesel (die Modemarke, nicht der gleichnamige Sprit). Die passenden Klamotten bietet man unter dem Motto „for successful living“ an. Damit sind wir „Global Warming Ready“.

Das klingt wie eine Analogie zum Claim „People-Ready Business“, mit dem Microsoft behauptete, eine Software zu bieten, die im Dienste der Menschen, dem „most important asset“ der Unternehmen steht. Trostwerbung. Ihr braucht keine Angst haben, das System frisst euch nicht. Zumindest nicht die Jungen, Hübschen und Schlauen.

Aber zurück zu „Global Warming Ready“: Was passiert hier? Diesel reitet die Welle. Während die Klimadiskussion weltweit die Agenda der Politik und der Medien erklimmt, schnappt man sich einfach ein Surfbrett und gleitet quer über den kommunikativen Wellenkamm. Ganz wichtig dabei: Spaß haben und auffallen! Blöd, aber effektiv.

Die Anzeigenkampagne knallt. Rote und blaue Aras – diese Papageien aus den Urwäldern Mexikos und Brasiliens, die heute vom Aussterben bedroht sind – bevölkern Mitteleuropa. Dank der Erwärmung kann man sich jetzt überall wohl fühlen. Und nicht nur Venedig ist noch immer eine Reise wert. Ach ja: die Stadt auf Stelzen ist vom gestiegenen Meeresspiegel natürlich nicht betroffen. Schönheit überlebt halt immer. Das gilt wohl auch für die Models in Diesel-Montur. „For successful living“ – Denim kontert Darwin.

Neben der groß angelegten Anzeigenkampagne geht Diesel auf der Website noch ein wenig weiter. Das „Global Warming Report Video“ klärt auf: Was bedeutet Global Warming, was sind die Folgen? Und was soll’s? „It can’t stop our lives!“. Unter den Ratschlägen, was jeder tun kann, um weniger Energie zu verbrauchen, stehen hilfreiche Tipps wie „Have Sex“, um Heizkosten zu sparen. Und ganz wichtig für die nächste Urlaubsplanung ist die Weltkarte „Will your favorite places still be there?“ Schnell nochmals hinfliegen und dann die nächste Dunebuggy-Tour in Lappland für 2030 buchen!

Liebe Marketing-Leute bei Diesel: Wir haben Euch bemerkt. Glückwunsch. Aber diese Kampagne erscheint wie eine Verzweiflungstat. Steht Euch das Wasser so zum Hals? Aber nein. Diesel will uns echt nicht verarschen, sondern zum Nachdenken anregen. Denn das ist alles echt ernst mit dem Klima und so. Daher bitte mitmachen: der „Virtual March“ durch die USA ist voll wichtig. Allison Rogers, Miss Rhode Island 2006, ist schließlich auch dabei. Sie will auch mal Kinder haben und läuft deshalb mit, sagt sie. Und die Blue Man Group. Ihre Begründung: „Because we can’t blow people’s minds with our show if all of the seats in our theatres are under water!“

Schade, dass profilneurotische Marken und Menschen auch die drohende globale Erwärmung als Reklamefläche für ihre Botschaften missbrauchen. Wenn sie weiterhin nur Sprüche klopfen, wird uns das System wohl doch noch fressen. BILD gibt uns übrigens noch 13 Jahre.

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2 Replies

  1. Mir kommen die Tränen. Heute global warming morgen extreme war(ing) und das alles nicht gesundheitsförderlich. Ich wandere aus – irgend ein Planet in einem uns umgebenden System, welches wir ja so gut verstehen, wird’s tun.
    Hoffentlich werden all die „Wahrheiten“ auch in Zukunft so transparent und nachvollziehbar unter das Fußvolk gebracht. So ein wenig Stimmung im Volk lenkt so gut ab.
    Ein dickes Hut ab für DIESEL; als ich das Logo das erste mal sah, veranlasste dies ein dickes Grinsen.

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