Digitale Kommunikation·Social Media

Die Bunte ist Second Life

Gerade haben wir uns in der Agentur über Second Life unterhalten. Mal wieder. Denn so langsam entkommt man der Geschichte ja wirklich nicht mehr. Was die objektive Relevanz, wir sollten ehrlich sein, nicht wirklich erhöht. Denn ganz unter uns: Selbstreferenzialität ist leider eine Medienkrankheit, die es schon lange gibt. Dass ein Spiegel online Avatar über seine Erlebnisse bei Second Life schreibt, ist ähnlich spannend wie das Gespräch zwischen Kerner und Beckmann über die neue Talk-Show des jeweils anderen.

Was ist also neu an Second Life? Nun: Eigentlich nichts. Nur, dass der Drang vieler Menschen nach Glamour, Prominenz und einer Scheinidentität nun für viele noch mehr wahr werden kann. Früher war sowas den Semi-Prominenten, die man in Branchenkreisen auch in B- und C-Promis unterteilt, auf Bunte und Gala beschränkt, es war abhängig vom Ort der Existenz, vom Aussehen oder dem Geld für den Operateur, vom Kleingeld (in Euro, nicht Linden Dollar) für Garderobe oder Limousine.

Was das mit Second Life zu tun hat? Nun: Second Life ist der Long Tail der Bunte. Jetzt kann jeder ein Party-Promi sein, zur Award-Verleihung gehen, sich größer machen als er oder sie ist. Die Frage ist: Wann werden die sich die ersten Second-Life-Promis im AvaStar die Haare abrasieren, wann werden die ersten Menschen Geld bekommen, um auf einer SL-Party aufzutauchen, wann stellt der erste Avatar fest, dass Geld und Prominenz nicht glücklich machen? Second Life ist also nicht neu, Second Life ist nur die Fortsetzung einer Welt, die langsam vergisst, dass das Sein über dem Schein stehen sollte, der dem Boulevard Tür und Tor geöffnet hat. Ob wir da mitmachen, das ist uns selbst überlassen.

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5 Replies

  1. ich verstehe das ganze überhaupt nicht. wenn wir schon die Möglichkeit bekommen, ein zweites Leben zu gestalten – warum machen wir es dann nicht besser? was ist denn so toll daran, virtuell genau dieselbe Gesellschaft zu kreieren wie die, in der wir eh schon leben? Ruhm, Geld, Macht, Stars und Parties – langweilig.

    Viel cooler hätte ich ein SL gefunden, in dem andere Regeln herrschen. So in etwa wie bei The Beach. In dem andere Werte zählen und derjenige ein gutes Leben hat, der nett ist und deswegen viele Freunde hat. Oder so.

  2. Du hast zu Beginn Deines Eintrags einen Link auf Wikipedia zu SL. Wunderbar, komisch und bedenklich: ein Blogger verweist auf die Erklärung eines Internet-Phänomens auf ein Wiki – das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Ich habe den Wikipedia-Eintrag jetzt nicht gelesen, aber wer garantiert, daß dort das Richtige oder wenigstens etwas ausgewogenes zu SL steht? Ist es ein Long Tail-Geschäft, mit dem die hessische Lehrerin (im aktuellen Spiegel, SL-Titel!) Ailin Gräf alias Anshe Chung ihre Million(en) mit virtuellen Immobilien verdient? Oder zieht Gräf genauso wie Mediamarkt und andere den Leuten Geld aus der Tasche, was sie eigentlich fürs Abstottern ihres digitalen Overequipments verwenden müßten?
    SL passt gut in unsere schrecklich-schöne Zeit des Umbruchs: Prekariat wie Schickeria wachsen, alpenländische Baulöwen (wie hieß er noch gleich?) heften sich alljährlich neue (lebendige!) Schmuckstücke ans Revers, dieses Jahr wars Paris Hilton (auch ne Identitätswechsel-Klamotte!) und das Unterschichtenfernsehen erfindet jeden Monat peinlichere „Formate“. Zum Glück geht DAVON die Welt nicht unter. Das besorgen unsere SL-Freunde und Nutzer von Cyber-Masturbinen, wenn sie zwischen Frankfurt und Wuhan hin und her jetten oder sich mit der Karre neues Bier, Wurst und Chips „holen“.
    Herrlich abgekotzt! – Aber bitte: Dieses Getue im SL ist bis auf ganz ganz wenige Ausnahmen einfach nur zum – kotzen. Und gegen Le Pen, Haider oder Bush (sorry Mr. President!) kann man auch viel besser life demonstrieren…

  3. Die Menschen scheinen geistig in schwere Ketten aus materialistischen Gedanken geschmiedet, deswegen wird der immergleiche Marktplatz der Eitelkeiten ersonnen. Ja es ist zum kotzen, oder einfach nur stinkelangweilig. Wie sagte der ewige Bob Marley so schön:

    „Emancipate yourself from mental slavery, none but ourselves can free our minds“

  4. oder vorausschauend Paul Scheerbart mit seinem Indianerlied:
    http://www.scheerbart.de/ps_0100.htm
    Murx den Europäer!
    Murx ihn!
    Murx ihn! Murx ihn!
    Murx ihn ab!
    Und bitte! ich spreche nicht vom Töten. Bewahre! Es geht um die Reaktionen der restlichen Welt auf dieses spätkapitalistisch-dekadente Getue. – Aber Stopp. Jetzma Werte schaffen!

  5. Werte kann man nicht schaffen, sie sind wie mathematische Formeln die es zu verstehen gilt, schlicht Naturgesetze der Aktion und Reaktion. Aber mal anders. Nur eine neue und noch dynamischere welt, sprich aktuell die digitale, kann als grobes Facelift die ordentlich schiefe und verwelkende Visage des Kapitalismus in unserer alten Welt etwas länger frisch aussehen lassen. Seeeehr schaurig, Frankstein top aktuell.

    http://inprekorr.de/339-digi.htm

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