Indien

Nothing but the truth – Teil II

von Prof. Dr. Wilfried Mödinger

Nach ersten Eindrücken aus dem Taxi, schaue ich mir die Werbewirtschaft Indiens zu Fuß genauer an. Was sofort auffällt: Auch die Druckindustrie ist auf der Straße zuhause. In Neha Prints Xerox Printing Desktop Publishing steht der Chef noch persönlich an der Druckmaschine.

Die Business Magazine liegen offenen auf einem Tisch zum Verkauf. „Know the future of Business“ ist das Plakat, das den Verkaufsstand ziert. Kein Wunder, denn auch die Kinder und Jugendlichen lesen in Indien schon die Wirtschaftspresse und sind aktiv mit dabei, wenn es um die Gestaltung ihrer Zukunft geht.

Indien ist das Land mit dem größten Anteil von Kindern und Jugendlichen in der Gesellschaft. Der Anteil im Alter von 1 – 14 Jahren liegt in Indien bei 32 Prozent, in China bei 23 Prozent und in USA bei 21 Prozent. Die deutsche Gesellschaft steht bei diesem Ranking nicht auf dem letzten Platz. Mit 15 Prozent hat Deutschland noch einen Punkt Vorsprung vor Japan. Was hat der demographische Wandel für Auswirkungen auf die deutsche Gesellschaft und Wirtschaft zu bedeuten?

Es gibt viele Meinung, Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema. Ich glaube aber, dass man diese Veränderung auch fühlen und erahnen kann. Dabei gibt es für mich sowohl soft facts als auch hard facts. Ein Leben ohne Kinder (oder mit weniger Kindern) ist ein Leben mit weniger Lebensfreude. Das sind die gefühlten soft facts. Die hard facts, auch gefühlt und erahnt, sind ganz einfach: Wenn es in Deutschland keinen (oder weniger) Nachwuchs in den Ingenieurs- oder Wirtschaftsberufen gibt, dann machen die Unternehmen dicht und gehen dorthin, wo sie den Nachwuchs an Studenten oder Auszubildenden finden. Dann werden nicht nur die Produktionen verlagert sondern auch das gesamte Unternehmen. Denn die Zukunft findet nur mit Kindern statt. Das als kurzer Seitengedanke.

Es ist nicht so, dass das Zeitalter der Medienwirtschaft und Werbeindustrie mit dem gegenwärtigen Boom der indischen Wirtschaft begonnen hat. Bei einem indischen Kaffee auf der Straße entdecke ich den Kalender als Werbemittel. Geworben wird für das Andheri Tea Depot. Der Kalender wird mit einem schönen bunten Pin-up verziert. Es ist kein Girl, kein Produkt, keine Ware sondern ein religiöses Symbol. Die obere Hälfte des Kalenders ziert ein Elefant, das Symbol für Lebensfreude in der indischen Religion und Gesellschaft. Es ist also nicht der Mensch selbst, oder das Produkt oder die Ware, die die Menschen in Indien glücklich machen, sondern ihr religiöser Bezug, der durch die Symbolik überall zum Ausdruck kommt.

Leider lässt sich diese These nicht durchhalten. Über dem Elektrogeschäft daneben ist dieses Reklameschild aufgehängt: … nothing but the truth!

Morgen geht es weiter nach Pune. Die Hochschule der Medien in Stuttgart hat eine Partnerschaft mit der Filmhochschule dort. Im vergangenen Jahr war eine Studentengruppe aus Stuttgart hier und hat einen Film gemeinsam mit den indischen Studenten gedreht. Jetzt planen wir den Besuch der indischen Studentengruppe in Deutschland. Ich bin gespannt, welche Eindrücke die indischen Studenten von der deutschen Medienwirtschaft haben.

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3 Replies

  1. Interessante Schilderungen! Was mich noch interessieren würde: Inwieweit hat die Werbung in Indien noch was „typisch indisches“, findet die indische Kultur und Mentalität Ausdruck in der Werbung und Kommunikation?

  2. Vielen Dank für das feedback und die Kommentare. Ich habe versucht „das typisch indische“ in der Werbung und Marktkommunikation zu finden. Im Bereich der Printwerbung ist es schwierig, das „typisch indische“ festzustellen. Ich habe aber am Flughafen u.a. indische Werbespots gesehen, bei dem die indische Kultur und Kommunikation eine große Rolle gespielt hat, z. B. der Tanz bei der Cornflakes-Werbung u.a. Ich werde versuchen diese Fragestellung bei meinem nächsten Besuch mehr zu erforschen.

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