China·China-Kommunikation

Journalismus in China – eine Gratwanderung

„Wir wussten im Voraus was kommen würde, waren aber machtlos.“ Es ist die eigene Machtlosigkeit und die Willkür der chinesischen Regierungsstellen, die Menschen wie Wang Xian verzweifeln lassen. Sein Haus in der Provinz Henan musste, wie so viele andere auch, den Bulldozern weichen, die Platz schafften. Platz für neue Infrastrukturprojekte. Die Fälle von Enteignungen sind im letzten Jahr nicht weniger geworden, wohl aber die Stimmen, die dagegen protestieren, erklärt Barbara Woodward, Minister and Deputy Head of Mission der britischen Botschaft in Peking. Und das ist das Entscheidende. Woodward hielt die Laudatio, als Li Xiguang, Leiter des Lehrstuhls für Kommunikation an der Qinghua Universität in Peking, heute sein neues Werk „A Manual for Human Rights Reporting“ vor Pressevertretern vorstellte.

Das Buch ist das Ergebnis mehrjähriger Recherchen, die Li mit seinen Studenten in den Provinzen Henan, Xinjiang und Sichuan, allesamt Regionen im chinesischen Hinterland, durchführte. „Journalisten haben die Möglichkeit etwas zu bewirken, das ist ein Privileg, aber auch eine Verpflichtung“, erklärt Li sein Engagement. Ein Beispiel: Aufgrund falscher medizinischer Versorgung erkrankten in einer Provinz zahlreiche Menschen an Hepatitis. Entschädigung für die Opfer gab es erst, als die Presse vehement über die Missstände berichtete. Journalisten werden auch in China zunehmend als „watchdog of the government“ wahrgenommen, das ist gut und gefährlich.

Der traurige Vorfall von Fu Xiancai mag vielen noch im Kopf sein. Fu hatte im Zusammenhang mit dem chinesischen Drei-Schluchten-Staudamm offen Kritik am Vorgehen der Regierungsvertreter geübt. Entschädigungsgelder für Umsiedler seien veruntreut worden. Fu hatte Unterschriften gegen die Veruntreuung gesammelt und persönlich zur Beschwerdebehörde nach Peking gebracht. Nachdem er einem ARD-Reporter ein Interview gegeben hatte, war er eine Böschung hinabgestoßen und äußerst schwer verletzt worden. Li: „Wir fühlen uns verpflichtet, aufzuklären und Missstände aufzudecken, wohl wissend, dass dies oftmals eine Gratwanderung ist. Einerseits müssen wir vermeiden unsere Interviewpartner zu gefährden, andererseits sind wir selbst im Kreuzfeuer der Kritik und können unserer eigenen Karriere schaden.“

Li weiß, wovon er spricht. Der jüngst mit dem Golden Globe ausgezeichnete Dokumentarfilm „The Blood of Yingzhou District“, wäre ohne sein Wissen und seine Hilfe nicht möglich gewesen. Der Film dokumentiert das Leben von Kindern in den abgelegenen Dörfern der Provinz Anhui, die ihre Eltern durch AIDS verloren haben. Der Qinghua Professor verfolgte seit Jahren die Berichterstattung über den HIV-Virus in China, reiste vor Ort, um sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen. AIDS war lange Zeit tabu, gab es offiziell nicht, wurde tot geschwiegen. Als die Regierung die Dimension der Gefahr nicht mehr geheim halten konnte, wurden auch Journalisten angehalten, sich der Thematik anzunehmen. Wie bei vielen, einst tot geschwiegenen, Themen, verunsicherte Journalisten der politische Kurswechsel. Wie viel, wie frei darf tatsächlich berichtet werden? Im Rahmen der Journalisten-Ausbildung der Qinghua Universität, lehrt Li junge Journalisten an sensible Themen heranzugehen. Auch diese Ergebnisse finden sich in einem Buch, in „HIV/AIDS Media Book“, zusammengefasst.

Zurück zu „The Blood of Yingzhou District“. Während Regisseurin Ruby Yang und Produzent Thomas Lennon Li Xiguang bei den Golden Globes für sein Engagement dankten, wehte ihm aus dem eigenen Land ein scharfer Wind entgegen. Der Regierungsverantwortliche von Yingzhou beschwerte sich, dass seine Stadt verunglimpft und ein Schwarm an ausländischen Journalisten über die Stadt herfallen würde. Er drohte Konsequenzen an.

Journalismus in China ist und bleibt eine Gratwanderung. Umso wichtiger ist es, die kommende Generation an Journalisten frühzeitig auf ihre Verantwortung vorzubereiten. Der Lehrstuhl für Kommunikation an der Qinghua Universität mag ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Ein guter Anfang ist er allemal.

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