Digitalisierung·Public Relations

Print: Finden, was man NICHT sucht

Die meisten, die mich kennen, wissen: ich bin ein großer Verfechter des Digitalen, der Information über das Internet und der Vernetzung in sogenannten Social Media. Einer, der oftmals nicht versteht, warum es eigentlich noch so viele gedruckte Tageszeitungen gibt, wieso sich Print-Publikationen so lange halten können. Vor allem, weil sie doch außer „Qualitätsjournalismus“ kaum ein schlüssiges Label für ihre Produkte finden. Und selbst dieses ist nicht überzeugend. Denn die meisten Publikationen erscheinen ja auch online – und ich denke, dass da ein ähnlicher Qualitätsmaßstab angelegt wird.

Warum also sollte ich noch Printprodukte lesen? Am Wochenende habe ich mich seit langem mal wieder einem intensiven Selbstversuch unterzogen und den Tag über die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die ZEIT und brand eins (mit Absicht hier keine Links, es geht ja um Print) durchgearbeitet.

Das für mich überraschende Ergebnis: ich habe eine Alleinstellung für Print entdeckt, die ich bislang so gar nicht als vorteilhaft wahrgenommen habe: Dinge finden, die man NICHT gesucht hat. Denn tatsächlich ist das, was uns so oft als Vorteil von Online verkauft wird – das passgenaue, das „genau finden, was zu mir passt“, ja auch eine Einschränkung im Wahrnehmungsraum. Ich habe dutzende RSS-Feeds, ich schaue regelmäßig bestimmte Rubriken von Websites an, lese Blogs und habe viele Suchworte, die ich nutze um Google zu durchforsten, ich habe hunderte von Informanten, denen ich via Twitter followe. Aber: All diese Online-Informationen generiere ich auf Basis meines aktuellen Wissensstandes, nicht auf Basis eines zukünftigen Interesses. Und genau hier setzt mein gestriges, intensives Printerlebnis an. Denn ich habe Themen entdeckt, von denen ich bis dahin nicht wusste, dass sie mich interessieren. Und nach denen ich auch nie gesucht hätte. Ich habe nämlich ALLE Rubriken gelesen, nicht nur die, die ich im Zweifel auch über einen RSS-Feed erhalten hätte.

Print ist also eher ein Flanieren, ein Schaufenstergucken. Es folgt nicht dem Effizienzgedanken, der uns allen inzwischen schon so extrem innewohnt. Vielleicht ist Print eigentlich ein ideales Medium für den Zeitenwandel, für die „Gesellschaft des Glücks“. Natürlich in einer gesunden Mischung mit Social Networks für die schnelle Information. Vielleicht sind diese Gedanken gar nicht so neu. Vielleicht habe ich mich zu sehr auf das Digitale gestürzt, um diese Begründung in der Welt des „Online ist böse Geschreis“ zu entdecken. Ich glaube aber, dass dem nicht so ist. Vielmehr haben die Printmenschen vergessen, dass es besser ist, den Vorteil des eigenen Produkts hervorzuheben, statt auf den Gegner im Sinne von „Online ist böse“ einzuschlagen. Hier also mein Slogan für die Printindustrie:

„Print ist finden, was man nicht sucht.“

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13 Replies

  1. Hallo Herr Eichstädt,

    ich gebe Ihnen Recht, das ist sicher ein ganz wichtiger Aspekt! Ich bin darüber hinaus noch so altmodisch, dass ich den haptischen Aspekt von Printerzeugnissen schätze. Gerade längere Geschichten lesen sich einfach besser in einem schönen Layout und auf Papier als am Bildschirm.

    Grüße

  2. @Meike Leopold der haptische Aspekt ist für mich eher unwichtig – bei der ZEIT oder der FAS nervt er mich sogar – denn dort bedeutet Haptik ja vor allem: riesige Seiten, die draußen in der Sonne bei jedem Windstoß wegfliegen, die in der Badewanne nass werden, die im Zug den Sitznachbarn belästigen 🙂

  3. Ah ja…

    Und jetzt nochmal mit Ernst: Ich stimme Dir zu, die Tatsache, dass man bei der Lektüre von Tageszeitungen / magazinen auf interessante Dinge stößt, die man ansonsten nicht fände, ist natürlich ein Vorteil der selben. Allerdings ist gerade dieser Aspekt meiner Meinung nach auch ein Merkmal, gerade etwa von Twitter, wo ich immer wieder auf Interessantes, auch jenseits jeglicher „Business Relevanz“, stoße, das ich sonst nicht gefunden hätte.

    Bei Printartikeln ist für mich der reine Akt des Lesens immer noch wichtiger und relevanter. Ich denke, dass man das meiste aus Print auch online finden kann (und sogar auch oft irgendwann ohne aktiv zu suchen drauf stoßen würde), aber eben nicht so schön entspannend wie in print…

    (gottseidank kann man ohne probleme einen schritt zurück gehen, wenn man vergessen hat, die summe einzutragen. hab dank dafür! ich verspürte einen kurzzeitigen schulterverspanner ob der fehlermeldung… 🙂 )

  4. @lars das funktioniert bei Twitter aber nur dann, wenn man auf seeehr breiter Basis followed. Sprich: eben Leute aus Kultur, aus Wirtschaft, aus Politik, aus Wissenschaft etc. im Follow-Pool hat. Ansonsten hat das schon Potenzial einseitig zu werden.

  5. Für mich gibt es neben dem „Finden, was nicht gesucht wurde“-USP noch viele weitere Vorteile der Printmedien:

    – das schon erwähnte Lesen in der Badewanne, S-Bahn

    – die perfekte und einfache Handhabung (kein Booten, leicht, zusammenrollbar, nach Gebrauch wegwerfen)

    – kein regelmäßiges Updating, keine Kompatibilitätsprobleme

    – kein Strom nötig, kein Gerät zum Lesen

    – gemeinsames Lesen (ich Sport, Ehefrau Feuilleton ;-))

    – Packpapier 😉

    Es gibt nichts Schöneres, als mit einer Tasse Kaffee in der Sonne eine Zeitung oder ein Buch zu lesen (ohne nach zwei Stunden den Akku zu wechseln, über das schwache Netz zu schimpfen oder augenkrank zu sein, weil das Display in der Sonne nicht lesbar ist).

    Ernsthaft: Print- und Online-Medien ergänzen sich, aber ersetzen sich nicht. Online-Medien sind zwar schneller, das intensivere, vielleicht auch nachdenklichere Lesen gelingt mir allerdings mit den Prints. Die Qualität des Inhalts sollte nicht von der Art des Mediums abhängig sein (ich verkneife mir die Diskussion über den Qualitätsstandard eines Bild-Journalismus oder der Super-Illu als Print).

    Beide Medienformen haben ihre spezifischen Vor- und Nachteile; die Schnittmenge ist aber sehr groß, was wahrscheinlich dazu verleitet, entweder… oder zu lesen. Für mich: Beides.

  6. Das ist ein wunderschöner Slogan, in dem im positiven Sinne viel mehr steckt, als auf den ersten Blick erkennbar ist! -Sich Zeit nehmen, -Bewusst LESEN (statt schnell zu scannen), -Entspannung, -Entdecken, aufnehmen, verarbeiten, weiterspinnen …. Ach ja, Print kann schon schön sein. 🙂

  7. Zeitunglesen in U-Bahnen und besonders im Flugzeug ohne Nachbarbelästigung erfordert natürlich Jahre langes Training, über das nur noch die Offline-Generation verfügen kann ;-). Andererseits: Ein geschickter Sitznachbar kann gratis mitlesen…

    Da in Japan in den U-Bahnen der Großteil der Passgiere schläft und dabei den Kopf an die Schulter des Nachbarns lehnt, verbietet sich dort allerdings das Zeitungslesen – wegen Aufweckgefahr.

    Aber wie Björn Eichstädt es schreibt: Das Schöne an Print ist, dass man Dinge liest, von denen man erst hinterher weiß, dass sie einen interessiert haben. Und das einfach nur deswegen, weil sie angeboten werden, ohne dass man danach gefragt hat.

    Hat natürlich auch den Nachteil, dass man nur die Dinge lesen kann, die auch angeboten werden. Und oft die Information fehlt, die man sucht. Dann halt wieder Online.

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