Digitalisierung

„Auf dem Weg zur Harry-Potter-Zeitung“

Seit 28. Mai ist das iPad in Deutschland auf dem Markt. Auch der Axel-Springer-Verlag ist von Anfang an mit eigenen medialen Anwendungen dabei. Romanus Otte, der als General Manager bei WELT online die iPad Apps DIE WELT (Besprechung hier im Blog) und THE ICONIST verantwortet, beantwortet im Storyblogger-Interview Fragen zu den Ideen hinter den Apps, Paid Content und der Gesamtstrategie auf dem iPad.

Foto otte_breit

Axel Springer und speziell DIE WELT haben in Deutschland sehr früh angefangen mit Apps. Was hat sich aus Ihrer Sicht beim Sprung vom iPhone aufs iPad grundlegend geändert?

Das iPad ist zunächst einfach größer. Daraus ergeben sich andere Nutzungssituationen und andere ästhetische Möglichkeiten. Für das kleinere iPhone bieten wir eine News-App an, die sich stark an WELT ONLINE orientiert, ein immer aktuelles Medium, dass wir vom Internet her denken. Für das iPad haben wir dagegen bei der Entwicklung sehr stark von der Zeitung her gedacht. Mit der App DIE WELT versuchen wir, ein alternatives Angebot zu schaffen zu WELT ONLINE. Unsere Frage war: Wie könnte eine Zeitung auf einem Tablet-Gerät aussehen? Das iPad haben wir hier also eher wie ein Lesegerät behandelt.

Welchen Mehrwert bietet denn die iPad-App gegenüber der Zeitung?

Wesentlicher Vorteil ist natürlich, dass die Zeitung auf dem iPad immer aktuell sein kann. Unser Versprechen lautet: Stellen Sie sich vor, Sie kaufen eine Zeitung, aber die ist immer aktuell. Es gibt in der App zudem zwei Ressorts, die es in der Zeitung nicht gibt. Das ist „Geschichte“ mit Stories zu historischen Themen des aktuellen Datums, und das Ressort „WELT Reporter“ – Geschichten aus dem Ausland, die exklusiv für die Apps geschrieben werden und nur hier zu lesen sind. Dann gibt es in der iPad-App natürlich groß inszenierte Bilderstrecken und Videos direkt im Artikel. Wir sind auf dem Weg zur „Harry-Potter-Zeitung“ – in der sich alles bewegt und ein wenig magisch wirkt.

Das Thema „Paid Content“ spielt für Axel Springer eine riesige Rolle. Meine persönliche Nutzungserfahrung ist, dass Apps auch durchaus zum Konsum von Paid Content verleiten. Wie sehen Sie im Moment die Entwicklung?

Bei Paid Content geht es nicht gar darum, die Verlagsbranche zu retten. In unserem Fall müssen wir auch gar nicht gerettet werden, denn Axel Springer geht es recht gut. Wir sehen Paid Content pragmatisch. Wir wollen wissen, was funktioniert. Wir wir wollen lernen, wann etwas funktioniert und wann nicht. Deshalb haben wir den kostenpflichtigen Newsletter WELT LAGE gestartet, deswegen haben wir kostenpflichtige Apps im Angebot und deshalb gibt es bei unseren Regionalportalen kostenpflichtige Bereiche. Mit dem Newsletter sind wir vom Zuspruch her bislang noch nicht voll zufrieden, obwohl wir vom Produkt hundertprozentig überzeugt sind. Bei den Regionalportalen stehen wir noch am Anfang. Vom Erfolg der iPhone Apps sind wir hingegen überwältigt. Wir haben mehr als 180 .000 Apps von WELT und BILD verkauft. Das hat unsere Vorstellungen bei weitem übertroffen. Was wir auf dem iPhone erleben, das zeigt: es gibt Zahlungsbereitschaft für gute Produkte. Nun schließen sich viele Fragen an: Was ist das richtige Pricing? Wie funktioniert ein effizienter Vertrieb für Apps? Es gibt eine Menge zu lernen. Unser Erfolg auf dem iPhone war auch ein Grund, von Anfang an beim iPad auf kostenpflichtige Apps zu gehen. Der Browser bleibt aber weiterhin frei.

Ach? Ich dachte der Browser sollte auch kostenpflichtig fürs iPhone werden?

Ja, das hatten wir vor. Aber bereits vor dem Start der iPhone-Apps haben wir uns anders entschieden, und das soll erst einmal so bleiben. Wir wollen unterschiedliche Zielgruppen in unterschiedlichen Situationen mit unterschiedlichen Produkten ansprechen. Paid, Free oder Freemium, diese Frage muss immer wieder pragmatisch abgewogen werden. Wir werden unsere Entscheidungen immer wieder an der Wirklichkeit messen. Derzeit sind wir mit unserem Ansatz sehr zufrieden. Auch die Werbeerlöse in den freien Angeboten entwickeln sich gut.

Glauben Sie, dass PR und Werbung künftig andere Inhalte liefern müssen – mehr Fotos, Videos, Interaktives – um Publikationen im App-Format zu beliefern?

In der Kommunikationsbranche gibt es dazu viele Überlegungen. Auf beiden Seiten des Marktes wird viel ausprobiert. Schauen Sie sich nur unsere zweite App THE ICONIST an, die ebenfalls von der WELT gemacht wird. Dort gehen ja schon viele Werbetreibende den Weg mit animierten und interaktiven Anzeigen. Auch in der WELT-App haben wir mit Audi von Beginn an einen Werbepartner. Ich bin überzeugt, dass App-Werbung eine große Rolle spielen wird.

Ein paar Worte zum Schluss zu THE ICONIST. Ich fand den Ansatz erst fantastisch, dann war er mir aber doch zu überladen. Da wurde ja tatsächlich alles versucht. Aber ist das nicht auch ein bisschen sehr Effekthascherei. Überlagert das nicht den Inhalt?

Beim Vergleich der Apps ist der Kontext wichtig: DIE WELT App haben wir von der Zeitungs-Seite her gedacht. An THE ICONIST sind wir von der anderen Seite herangegangen, von den Möglichkeiten des Geräts. THE ICONIST ist ein bestechendes Beispiel dafür, in welche Richtung das gehen kann. Die erste Ausgabe ist natürlich noch nicht perfekt ausbalanciert. Wir wollen in der zweiten Ausgabe wieder etwas mehr Wert auf Texte legen. Aber wir sind von dem Möglichkeiten des Produktes begeistert. Es ist neu, sinnlich, spielerisch, interaktiv. THE ICONIST ist das perfekte Beispiel dafür, wie viel Spaß der Medienwandel machen kann – auch uns in der Branche selbst .

Anm. der Storyblogger-Redaktion: Die iPad App von THE ICONIST besprechen wir in Kürze in diesem Blog.

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1 Reply

  1. Es ist äußerst lobenswert, dass sich DIE WELT dem Thema App so schnell geöffnet hat. Die Entwicklung geht in diese Richtung und es wird sich kein Printjournal auf Dauer davor verschließen können. Warum also nicht der Vorreiter sein? Und dabei auch gleich noch neue Wege gehen, mit dem eigenen Produkt die Medienlandschaft mitgestalten und nicht nur der Entwicklung genügen. Wirklich toll, so viel Innovationsgeist!

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