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Der Dreh: Voller Komparsen-Twist-Einsatz für August Diehl

Seit zehn Stunden bin ich für den Dreh der Tanzszene des Filmes „Wer wenn nicht wir“ von Andres Veiel unterwegs. Jetzt will ich nur noch eins: meine Füße hochlegen und für ein halbes Jahr garantiert keinen Twist mehr tanzen. Ein Rückblick…

Ab 12 Uhr begannen wir Komparsen in unsere farbenfroh-adretten Kleider und Anzüge im Stil der frühen sechziger Jahre zu schlüpfen. Die Schuhe drücken bereits nach wenigen Minuten. Noch ahnen wir nicht, dass wir gefühlte 40 Takes darin tanzen müssen. Nach zweieinhalb Stunden sind die rund 30 Kneipenbesucher/-innen und Twist-Tänzer/-innen fertig eingekleidet und frisiert. Das Fitting ist im Vergleich zur Kostümprobe vor drei Wochen ein Kinderspiel: Ein Griff an die Kleiderstange, auf dem Bügel für Bügel die ausgewählte Garderobe nebst Schmuck für jeden einzelnen Komparsen mit Nummern versehen hängt. Die Maskenbildnerinnen stylen unser Haar nach den Notizen und Fotos, die ihre Kolleginnen bei der Kostümprobe für jeden Statisten erstellt haben. Bei den Damen dürfen der für die 60er Jahre typische breite Lidstrich und die dramatisch langen Wimpern nicht fehlen.

Um halb drei Uhr nachmittags steht das Tanztraining auf der Agenda. Vielen von uns knurrt schon jetzt der Magen, denn das Frühstück war unsere letzte ‚richtige‘ Mahlzeit. Nun heißt es probe-twisten unter den prüfenden Augen des Tanzlehrers. Fünf Komparsenpaare wählt er aus, die den ganzen Abend tanzen werden – und ich bin auch dabei. 20 Minuten gönnt er uns, um die Bewegungsabfolge einzustudieren und betont: „Für Euch wird das eine große ausgelassene Party sein.“ Die Stimmung der Barbesucher beschreibt er so: „Ihr werdet nicht den wilden Twist der späten Sechziger tanzen.“ Die Damen waren mit ihren Gesten zurückhaltend aber verführerisch lockend. Mit diesem Lidstrich sollte das kein Problem sein. Doch die Herren „wollen natürlich nur das Eine“ – das alte Spiel.

Am Set angelangt, wabert uns im Kellergewölbe der Tanzkneipe rauchgeschwängerte Luft entgegen. Riesige Scheinwerfer treiben die Temperaturen in die Höhe. Rund 30 Film-Crew-Mitglieder drängen sich mit uns Statisten in den kleinen Raum. Und dann sind da natürlich noch August Diehl, der den Verlobten der späteren RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, Bernward Vesper, spielt sowie seine Geliebte/Affäre Ulrike (gespielt von Stephanie Stremler ). Die Schauspieler sind völlig auf ihre Texte konzentriert und scheinen uns kaum wahrzunehmen.

Eine kurze aber herzliche Begrüßung von Andres Veiel an die Komparsen – und schon werden wir unseren ‚Rollen‘ entsprechend im Raum platziert: der Barkeeper, der Kellner, Gäste am Tresen und an den Tischen, die Twist-Tänzer und sogar ein Disc Jockey am antik anmutenden Schallplattenspieler. Schon erklingt das berühmte „Und bitte!“: Die Gäste unterhalten sich angeregt, rauchen und trinken – ausgelassene Stimmung macht sich breit. Und wir tanzen noch frisch und beschwingt den ersten Twist dieses Abends – nicht wissend, wie viele es noch werden. Bereits eine Minute später werden die Tänzer gemäß den Lichtverhältnissen umgestellt. Alles passiert in Windeseile. Die nächste Einstellung, der nächste Tanz. Von der Umgebung und der Filmhandlung bekomme ich kaum etwas mit, denn mein Tanzpartner und ich sind ganz in unsere Choreographie vertieft und darauf bedacht, uns ‚anzuschmachten‘. Auch wenn die Schuhe immer mehr kneifen und den Herren langsam die Schweißperlen auf die Stirn treten: Wir lächeln, verbreiten Freude und haben Spaß – das ist unser Job.
Langsam bekommen wir eine Ahnung davon, wie anstrengend so ein Dreh sein kann. Immer und immer wieder tanzen wir die gleiche Bewegungsabfolge, locken und zieren uns, sind vergnügt. Dazwischen zweiminütige Pausen, in denen an 30 Komparsen Getränke in Plastikbechern ausgeteilt werden, diese mehr als zügig geleert und eingesammelt werden müssen. Ein organisatorischer Akt. Wurde ein Becher vergessen, muss die Szene nochmals gedreht werden. Nach circa 20 Takes beneiden die Tänzer das ‚Sitz- und Stehpublikum‘. Wer von den Rauchern verpasst, nach dem Dreh der insgesamt 40 Einstellungen die Zigarette sofort auszudrücken, muss sich wohl oder übel 40 neue Zigaretten anzünden. Denn dem kritischen Betrachter würde es auffallen, wenn im Film ein Darsteller eben noch eine neue Zigarette rauchte, von der einige Sekunden später nur noch der Stummel übrig ist.

Unsere Frische schwindet dahin. Frisuren müssen erneuert, den Herren in jeder Pause der Schweiß von der Stirn getupft und die Kleidung zurecht gezupft werden. Die Füße schmerzen, das sieht uns auch der Choreograph an und verordnet uns Dehnungsübungen. In einer Szene ‚zu fortgeschrittener Stunde‘ dürfen die Herren ihre Jackets endlich öffnen. An ausziehen ist nicht zu denken.

Dienten wir den Schauspierlern bisher als Hintergrund, wagen sie nun ein Tänzchen mit uns. „Wir machen Nahaufnahmen und führen die Kamera im Kreis um Euch herum. Jeder von Euch ist im Bild zu sehen“, heißt es. Für uns bedeutet das, noch genau so unverbraucht zu wirken, wie vor nunmehr drei Stunden. Das Lächeln müssen wir uns unter Schmerzen langsam abringen. Auch von den Laiendarstellern wird Konzentration und Disziplin erwartet. Vier mal dreht die Kamerafrau Judith Kaufmann diese Einstellung mit den sich mitten unter uns küssenden Protagonisten, in der wir dem Film-Team auf ein Zeichen hin aus dem Weg oder vor die Kamera tanzen müssen. Es darf keine Lücken auf der Tanzfläche geben – alles ist in Bewegung. Bis plötzlich die Schauspieler taumeln und mit lautem Gepolter zu Boden stürzen. Tische und Stühle fallen um, Gläser gehen zu Bruch. Wir sind erschrocken, doch wir verstehen: Das ist alles nur Show – und tanzen amüsiert weiter.

Es ist fast geschafft. Was uns zu unserem letzten Tanz motiviert, ist ein Abendessen, das uns die Regieassistentin unter allgemeinem Jubel in Aussicht stellt. Nach viereinhalb Stunden Dreh dankt uns der freundliche Andres Veiel für unseren Einsatz: „Ihr habt tolle Arbeit geleistet.“ Für das Filmteam ist der Drehtag noch längst nicht zu Ende, als wir genüsslich die ‚besten belegten Brote der Welt‘ auf der Straße im Gehen hastig verzehren. Versöhnliches Abendrot und unsere bequemen Schuhe lassen uns die Strapazen des Tages langsam vergessen. Wir können es kaum erwarten, aus der jegliche Atmung verhindernden Kleidung zu schlüpfen. Gegen 22 Uhr beginnt für uns Komparsen dann der Feierabend.

Dennoch: Wenn der Film dann planmäßig im nächsten Jahr in die Kinos kommt, sind alle Anstrengungen vergessen und wir einfach nur gespannt, wie viele Sekunden wir zu sehen sind. Und wissen, dass der mit den Komparsen betriebene enorme Aufwand nur ein Bruchteil des Gesamtaufwands für den Film ist.

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