China·China-Kommunikation·Delegation

Den Blick auf Verbindendes statt Trennendes

Wie arbeiten chinesische Redaktionen? Wie recherchieren Journalisten in China? Warum sind deutsche Medien so kritisch? Die „Medienbotschafter China – Deutschland“ finden auf diese Fragen ganz persönliche Antworten.

Die Robert Bosch Stiftung und die Hamburg Media School entsenden mit dem Programm „Medienbotschafter China – Deutschland“ jedes Jahr 16 deutsche und chinesische Journalisten für drei Monate in das jeweils andere Land. Dort lernen sie die fremde Kultur, Journalismus und den Alltag in den Redaktionen kennen. Nach Lehrgängen an der Hamburg Media School bzw. der Tsinghua Universität Peking hospitieren die Stipendiaten für zwei Monate in deutschen bzw. chinesischen Redaktionen. Marc Bermann, Projektleiter China der Robert Bosch Stiftung, erläutert im Interview mit Storymaker, warum die Stiftung den Austausch von Journalisten fördert.

Marc Bermann

1) Warum engagiert sich die Robert Bosch Stiftung für den Austausch von Journalisten zwischen Deutschland und China?

Journalisten spielen als Multiplikatoren in der Völkerverständigung eine zentrale Rolle. Sie wirken mit ihrer Arbeit bis tief in die Gesellschaft hinein. Ein Dialog zwischen deutschen und chinesischen Journalisten ist schon deshalb wichtig, weil die Aufgaben und Funktionen von Journalismus in beiden Ländern unterschiedlich sind. In westlichen Ländern sind die Kontrolle der Macht und die Vermittlung von Wissen und Bildung wesentliche Aufgaben der Medien. Während in China die Wissens- und Informationsvermittlung natürlich auch Kernaufgaben der Medien sind, erfüllen sie die Kontrollfunktion der zentralen Regierungsmacht so nicht. Das liegt nicht nur an den unterschiedlichen politischen Systemen, sondern auch am journalistischen Selbstverständnis. Dadurch ergeben sich immer wieder Konflikte. Diese Differenzen können durch einen langfristigen und um Offenheit bemühten Dialog entschärft werden. Man darf nicht nur schauen, was uns trennt, sondern auch was verbindet. Dafür ist es notwendig, Menschen zusammenzubringen – wir fördern dies in Form von Diskussionen von Chefredakteuren aus beiden Ländern oder durch Austausch-Programme wie „Medienbotschafter China – Deutschland“.

2) Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Programm „Medienbotschafter China – Deutschland“?

Hauptziel ist die Völkerverständigung und mehr Wissen über den jeweils anderen. Ein weiteres Ziel ist die inhaltliche Fortbildung. Für die chinesischen Teilnehmer ist das bisher stärker aufs Handwerkliche orientiert: Sie erhalten in Deutschland an der Hamburg Media School eine einmonatige Fortbildung. Reportage-, Interview- und Recherchetechniken gehören ebenso dazu wie Vor-Ort-Termine bei öffentlichen Institutionen, Unternehmen und Kulturbetrieben. Danach praktizieren die Journalisten zwei Monate in deutschen Redaktionen. Auch deutsche Stipendiaten erhalten im ersten Monat eine Fortbildung – allerdings geht es dabei mehr um Landeskunde: Ein möglichst ganzheitlicher Überblick über Geschichte, Politik, Wirtschaft und Kultur soll den Journalisten eine Basis bieten, von der aus sie in der Praxis Fragen stellen und das Zeitgeschehen, das sie in China beobachten, besser einordnen und verstehen können.

3) Wie ist das Feedback der Teilnehmer?

Wir haben erst vor kurzem die bisherigen Teilnehmer zu einem Bilanzseminar eingeladen – das Feedback war von allen drei Jahrgängen sehr gut. Spannend ist für Journalisten vor allem der Blick von innen in das jeweils andere Mediensystem. Vor der Hospitanz in deutschen Redaktionen wussten die meisten Chinesen nicht, wie der redaktionelle Alltag hier aussieht. Und auch für die deutschen Journalisten ist es interessant zu sehen, wie und unter welchen Umständen die Chinesen arbeiten, warum sie schreiben wie sie schreiben – beispielsweise, weil sie in einem Apparat eingebunden sind, der nichts anderes zulässt. Trotzdem gibt es von Medium zu Medium unterschiedliche Veränderungen, manche Bereiche werden offener und Zensur nicht überall so streng gehandhabt wie noch vor einigen Jahren. Auch solche Prozesse mitzuerleben, kann für unsere Teilnehmer sehr erhellend sein. Im Übrigen ist auch immer die Frage spannend, wie „frei“ die Medien auch in unserem Land tatsächlich sind. Da gab und gibt es immer die heftigsten Diskussionen unter den Teilnehmern.

4) Welche Bilanz ziehen Sie nach drei Jahren?

Wir haben ein Programm geschaffen, das offenbar notwendig und damit auch wichtig ist. Das zeigen die starke Nachfrage und die steigenden Bewerberzahlen. Außerdem wollen sich die Teilnehmer von beiden Seiten zukünftig als Alumni engagieren. Wir planen beispielsweise einen Alumni-Verein und den Aufbau eines Korrespondenten- und Reporter-Netzwerkes, ähnlich wie dies schon für Osteuropa existiert. Beginnend mit den Leuten, die in unserem Programm waren, soll ein Netzwerk von interessierten Medienschaffenden in China und Deutschland entstehen.

5) In welche Richtung wollen Sie das Programm weiterentwickeln?

Wie schon in der Vergangenheit, passen wir auch zukünftig das Programm weiter an die Bedürfnisse der Journalisten an. Ein Punkt ist die englische Sprache, für die wir das Programm öffnen. Bisher waren unter anderem gute Deutschkenntnisse auf Seiten der chinesischen Bewerber und Bewerberinnen Voraussetzung für einen Zuschlag. Die Aufnahme englischsprachiger Journalisten aus China ins Programm bedeutet auch einige strukturelle Änderungen: So wird die Hospitationsphase für die Teilnehmer aus China verkürzt, dafür aber der Fortbildungsblock ausgedehnt und um zusätzliche Rechercheangebote erweitert. Für die deutschen Stipendiaten, die wir nach China entsenden, wird sich in der Struktur des Austausches nichts verändern: also etwa vier Wochen Fortbildung an der Tsinghua Universität und dann zwei Monate Mitarbeit in einer englisch- oder deutschsprachigen Redaktion eines chinesischen Medienhauses.

Mehr Infos dazu auch im Beitrag „Above Stereotypes“

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