Digitalisierung·IT

Das Ende von IT-Diktatur und Push-Ära

Schon der Blick aufs Publikum, oder besser gesagt auf die Geräte auf Knien und Tischen vieler Kongressteilnehmer auf den Hamburger IT-Strategietagen, zeigte einen wichtigen IT-Trend: Smartphones und eBooks sind bei IT-Leitern und Beratern fast schon Normalität. Das fiel besonders beim Vortrag der IBM zur „smart world“ auf. Der Breakout-Session- Raum fasste die vielen Interessierten kaum und etwa jeder Dritte hatte ein elektronische Buch oder Tablet auf dem Schoß.

Soviel Zukunftsvoraussicht brauchte es also für die beiden Verfasser des neuen Buches von Dr. Karl-Michale Henneking von Detecon und Thomas Lünendonk, den Gründer und Inhaber des Marktforschungsunternehmens Lünendonk GmbH, gar nicht, als sie in ihrem Vortrag zur „Mission Zukunft: ICT 2032“ sagten: „Die Mobilität findet über die Smart Devices statt!“ Die 45 Thesen für die Wege ins Morgen, von denen nur ein Hauch gelüftet wurde – etwa die Prognose, dass wir in zwanzig Jahren alle unseren Avatar besitzen, der uns vertritt wie Anna von Ikea – dürften trotzdem spannend sein.

Erkannt? Ja, Web 2.0 samt seiner mobilen Hardware und Software (Apps) ist der Trend, der die Unternehmen und damit auch die IT-Abteilungen und CIOs in den nächsten Jahren beschäftigt. Die Bestätigung dieser These zog sich wie ein roter Faden durch die Tagung. Der CIO der SAP, Oliver Bussmann, berichtete etwa von einer „sehr großen Nachfrage nach Mobiles“. Ähnliche Erfahrungen machten Hilti, deren CIO feststellte, dass die Mitarbeiter, die von der IT ausgewählten Smartphones zurückwiesen und Apple-Devices forderten. Dr. Martin Petry postulierte deshalb das Ende der IT-Diktatur und riss das neue Thema in der IT-Szene an: „Byod – bring your own device.“ Ein Pilotversuch in Vietnam, wo die Mitarbeiter ihr mobiles Endgerät selbst bestimmen und kaufen, wird zeigen, wie weit die Eigenverantwortung gehen kann.

Die Auswirkungen der „IT Consumerization“ auf das Versicherungsgeschäft brachte Dr. Ralf Schneider, Group CIO der Allianz SE, auf den Punkt. Die Haltung „ I want it all and I want it now“ sei ein Kennzeichen des Kunden von heute. Der „extremen Individualisierung“ der Menschen und der Mobile-Nutzung folge eine „tektonische Verschiebung des Marktverhaltens“ von Push zu Pull. „Losgröße eins“ – also der individuelle Zuschnitt eines Versicherungsprodukts auf den jeweiligen Kunden – sei die Zukunft, betonte Schäfer und prophezeite: „Der Kunde wird sein Produkt bald selbst designen.“

Wie das „Social Web“ die Diskussion der Kommunikationsstrukturen für verteilte Teams befruchtet, oder im Moment noch die IT unter Druck setzt, berichtete Dr. Ralf Brunken, CIO von Continental Automotive GmbH. „Wir lassen Facebook nicht zu“, erzählte der CIO. Dafür wird ihm aus der Mitarbeiterschaft immer wieder die vorwurfsvolle Frage gestellt: „Warum blockiert ihr uns?“Derzeit erarbeitet Continental Automotive eine Kommunikationskultur für eine zukunftsfähige Kollaboration auf Basis einer IBM-Microsoft -Plattform. Denn eines ist dem CIO klar: „Derzeit wird das Email Messaging für die Zusammenarbeit noch am stärksten genutzt, aber der Trend geht zur Social Software, weil sie viel schneller ist.“ Jan-Henrik Rose, Business Lead Smarter Work, von IBM Deutschland zitierte das passende Beispiel seiner BA-Studenten, die die derzeitige Kommunikation so charakterisieren: ‚Ihr schreibt zu viele Emails und Eure unzähligen Attachements verstopfen die Accounts‘. Rose prophezeit deshalb dem „Sharen“ auf Kollaborationsplattformen eine große Zukunft.

Der beschriebene Wandel in Richtung Mobiles und Social Web in den Unternehmen hat auch auf die Fach-PR Auswirkungen. Zum einen werden die IT-technischen Themen wie die „Sichere Einbindung von Mobiles“ in das IT-Rückgrat spannend – etwa in Ratgeber-Artikeln, Fachtexten oder Interviews mit Sicherheitsexperten für die Fachmedien der IT. Zum anderen erfordern Social Web-Aktivitäten von den CIOs eine stärkere Beschäftigung mit der Kommunikationskultur im Unternehmen. Vielerorts entwickeln CIOs auch die Web 2.0-Spielregeln mit. Es geht also nicht mehr allein um das Zusammenrücken der klassischen Fachabteilungen mit der IT, sondern der CIO wird zukünftig immer stärker den Schulterschluss mit dem Kommunikationsteam im Unternehmen üben müssen. Das ist auch eine Chance für interne Aktivitäten von Kommunikatoren.

Der zweite Trend wird das Herz der PR-Verantwortlichen in IT-Unternehmen hüpfen lassen: Es wird nicht mehr nur theoretisch überlegt, wie die Cloud funktioniert – es gibt erste Anwender. Während vor rund einem Jahr noch eher über das ob, wenn und würde diskutiert wurde, gerät jetzt die Praxis ins Visier. Das zeigen nicht allein die Clickraten auf die Artikel im CIO Magazin, sondern auch eine Untersuchung der Colt Technology Services GmbH. Wie der Berater Joachim Tresp von Colt zusammenfasste, interessieren sich CIOs vor allen Dingen für die Enterprise Cloud – auch Hybrid Cloud genannt, weil sie eigene Kapazitäten mit fremden Cloud-Kapazitäten kombiniert – und die Private Cloud. Colt unterstützt besonders bei RZ-Konsolidierung oder bei RZ-Migrationen, die auf herkömmliche Weise langwierig und riskant wären. Für Joachim Tresp ist zudem die IaaS im Kommen und besondere Attraktivität hat für ihn die „Virtual Desktop Infrastruktur (VIP)“. „Das Thema wird in zwei, drei Jahren richtig groß werden“, verspricht der Cloud-Experte. Das heißt, Anwenderstorys und Tipps für den Weg in die Cloud sind weiterhin attraktive Themen auch für Fachmedien.

Und der dritte Trend? Die Komplexität der IT bleibt und wird angesichts all der mobilen Devices und ihrer Absicherung immer noch größer. Allein der Vortrag der Karl Storz GmbH zum Stammdatenmanagement zeigte, mit welcher Themenvielfalt CIOs konfrontiert sind. Zunehmende Produktänderungen – 1.100 Änderungen pro Monat am Artikelstamm bei Storz – erfordern durchdachte organisatorische Prozesse und schlussendlich auch viel Automation. Zur Komplexität gehört auch die Sicherheit, die die IT ständig begleitet und herausfordert – eben das alte Hase- und Igel-Spiel, wer ist zuerst da. Oder anders gesagt: Wer entdeckt die Lücke am schnellsten? Die Deutsche Post, die Kunden für den E-Postbrief mit ihrer traditionell sicheren Plattform gewinnen will, hat sich für ihre Sicherheitsaktivitäten etwas Besonderes einfallen lassen: Im vergangenen Jahr rief sie den Security Cup aus und vor kurzem nahm sie beim Chaos Computer Club in Berlin die Preisverleihung vor. „Hacking for fun“ bzw. Hacken für mehr Sicherheit! Ein Thema, das auch die Digital Natives nicht kalt lässt. Gleichzeitig demonstriert das Postbeispiel wie offensiv und kreativ Öffentlichkeitsarbeit sein kann.

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1 Reply

  1. Es scheint als ob das Thema BYOD einfach handhabbar ist. Wie in Ihren Artikel beschrieben, denkt der CIO Martin Petry zwar darüber nach, mehr als ein Pilotprojekt ist es allerdings nicht. So wird z.B. auch Tobias Rölz, ebenfalls von Hilti in einem Artikel der Computerwoche referenziert, in dem er auch von einem Zukunftsszenario spricht. Also ist das BYOD auch bei Hilti noch nicht wirklich produktiv und auch in einem Konzern gehen die Mühlen teilweise langsam. Aber immerhin gibt es den Anschein, dass man mit vorne dabei ist.

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