Digitale Kommunikation·Social Media

G+ oder warum die Karawane immer weiter zieht

Twitter und Facebook, bis vor zwei Wochen unangefochten die Top-Kommunikationsplattformen der Social-Media-Welt, fühlen sich auf einmal so alt an. So unfrisch. So wenig reaktiv. Und Schuld daran ist Google+. Schon gehen die Diskussionen los, warum denn auf einmal alle so auf dieses neue Social Network abfahren, wieso denn so viele vermeintliche Meinungsmacher auf einmal fast nur noch auf Google+ schwören? Wieso um alles in der Welt die Karawane gerade jetzt weiterziehen sollte, wo es bei Facebook doch gerade so schön gemütlich geworden ist? Und Unternehmen fragen sich, ob das für sie relevant ist, wo sie doch gerade ihre Facebook-Community etabliert haben. Warum um alles in der Welt???

Nun: der Mechanismus ist recht einfach erklärt. Die Welt dreht sich. Die „digitale Vorhut“ sucht sich regelmäßig Neuland, wo sie sich ausbreiten kann. Landflucht könnte man das nennen. Oder aber man könnte sich das alles als die neue In-Location für Parties vorstellen.

Die Party-Metapher ist ja eine häufig gebrauchte in den Social Media. In der hier verlinkten Präsentation habe ich sie für das Thema der „Relations“ in den Social Media verwendet. Und die enthaltenen Aussagen sind universell, sind „social“ – die Location spielt nur eine untergeordnete Rolle. Aber vielleicht sollte man sie im Zuge der Entwicklung von Google+ ein wenig genauer betrachten. Denn neben der Frage, wie man Menschen kennenlernt, wie man mit ihnen interagieren muss, welches Image man sich bei Ihnen schafft, spielt es natürlich auch eine Rolle, welche Location überhaupt den Rahmen der Party stellt.

In den 60er und 70er Jahren gab es große In-Discos, die in den 80er und 90ern keiner mehr kannte. Legendäre Clubs kommen und gehen und ein paar Jahre später kennt sie niemand mehr. Das gibt es im Kleinen wie im Großen. Warum? Nun: weil sie sich vom Geheimtipp zum Mainstream mauserten, weil das, was sie einmal ausmachte irgendwann verloren ging, weil der Reiz des Neuen weg war, weil auf einmal Bierreklame an der Wand hing. So richtig cool war das nicht mehr; die einen merken es früher, die anderen später. Vor allem die, die wegen den Meinungsmachern irgendwann dort aufschlugen, um dabei zu sein.

In einer Welt der permanenten Beschleunigung wird natürlich auch der Wechsel der Location schneller. Und es wird auch immer einfacher, sich eine neue Party-Räumlichkeit zu erschließen. So ziemlich alle Kontakte von Facebook und Twitter zu Google+ zu transformieren ist in kurzer Zeit vollbracht. Und dann genießt man erst einmal das Neue, das nicht immer besser, aber eben neu ist. Man genießt, dass nicht alles voller Werbung ist, dass die Leute noch „Zeit“ haben auf Kommentare zu antworten, dass die Circles noch geordnet sind. Die Unternehmen scharren schon mit den Hufen, sie wollen rein, legen von Google nicht genehmigte Profile an, werden gelöscht. Und sind auf jeden Fall bald mit dabei. Denn hier entsteht gerade die neue Relevanz, die zuerst die Meinungsmacher zu Transformers macht, dann andere nachzieht, die die relevante Anzahl von Personen im Netzwerk resp. der Location stellen. Und schon ist es für Unternehmen, Verlage etc. interessant. Eine klassische Geschichte der medialen Transformation, die sich immer schneller vollzieht.

Aber: hört das denn nie auf? Welches Netzwerk wird sich denn nun etablieren? Wer diese Frage stellt, der hat das zugrundeliegende  Prinzip noch nicht verstanden. Es wird keinerlei Konsolidierung geben. Wir leben im Zeitalter der permanenten Beschleunigung, die sich eben gerade dadurch auszeichnet, dass sie sich permanent beschleunigt und nicht einfach anhält. „Das bedeutet also, dass auch Google+ nicht das Ende der Fahnenstange ist?“ Ganz genau. Hierzu empfehle ich die Lektüre eines Interviews mit dem Soziologieprofessor Harmut Rosa, das ich 2006 unter dem Titel „Die Dinge entwickeln sich nicht mehr“ geführt habe. Und ein Nachdenken über das, was das für uns alle, für die Berater, die Unternehmen, die Privatmenschen etc. bedeutet. Dass die Dinge nicht anhalten werden ist ein Fakt, dass die Karawane immer weiter zieht, und zwar immer schneller, auch. Was bedeutet das aber am Ende des Tages?


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9 Replies

  1. Du hast sicherlich im Kern recht. Die soziale Dynamik kommt nie zum Stillstand. Die ist wie der Ozean, der keine Ruhe kennt.
    Aber etwas ist anders als bei der Szenegastronomie (oder in der Popmusik – da ist ja alles noch offensichtlicher: die gleichen 5 Akkorde und jede Saison „neue“ Musik). Bei den Szene-Locations wählt sich jede Generation, jedes Milieu ständig neue Orte der Verabredung, auch um sich selbst zu definieren. Deshalb hat die Szenegastronomie immer einen Life-Cycle, der absehbar begrenzt ist. Goggle+ ist schon deshalb etwas anderes, weil es ja schon einmal Partyplatz gewesen ist. Google ist ja beinahe „altes Internet“. Zum Geheimtipp taugt es nicht mehr. Wave und Buzz haben z.B. nicht funktioniert. Google+ wird auch nicht die Nachwuchs-Natives kriegen. Da strömen eher die „Erfahrenen“ als erste hin. Vielleicht ist es daher doch etwas anders: Google+ ist besser steuerbar und handhabbar als Facebook?
    Nur nebenbei: Man darf bei diesen Internet-Moden nicht den Spielzeugeisenbahn-Effekt unterschätzen – eine Weile spielt man ganz begeistert mit dem Spielzeug, aber irgendwann merkt man, dass es doch sterbenslangweilig ist. Das könnte das Hauptproblem von Facebook sein. Und jetzt kommt ein neues Spielzeug angedampft – na ja denn spielt man mal da mit.

  2. Artikel-Zitat: „neue In-Location für Parties“ – ja, die Marketing-Strategie von Google, erst die „Social Media-Elite“ zur +-Party einzuladen, hat etwas von den In-Discos der 80er und 90er. Wer den Türsteher bezwungen hatte, war drin – und stolz, endlich überteuerte Getränke kaufen zu dürfen. Bei allem stellt sich die Frage, ob der Begriif „Social Media“ nicht bereits ein Widerspruch zu „Elite“ ist bzw. sein sollte. Kennzeichen von Social Media ist das Bottom-up-Prinzip. Das wird und muss auch für google+ gelten. Ich meine unabhängig vom Hype, dass diese neue Plattform Potenzial hat – jenseits der Frage, ob und wieviel über sich man ausgerechnet Google mitteilen sollte.

  3. @C_Seim nein, das Bottom-up-Prinzip ist nicht das Kennzeichen. Und den elitären Weg sind andere bereits gegangen: wir erinnern uns: Facebook begann als internes Harvard-Netzwerk mit dem Anspruch, dass sich hier nur die Harvard-Elite versammelt. Daraus wurde ein Zug entwickelt, der bis heute anhält.

  4. g+ ist nicht die Disco, in die wir gehen, weil sie neuer ist, sondern weil sie besser ist. In der Facebook-Disco waren wir doch nicht, weil die Getränke dort besonders gut geschmeckt haben. Im Gegenteil, die Drinks waren lausig und die Musik viel zu laut. Aber es war eben die einzige Disse, in der man alle Leute treffen konnte, die man treffen wollte. Dass da noch die alten abgekackten Schulkameraden rumhingen, nahm man eben in Kauf. In der neuen Disse muss man das nicht. Die Musik ist leiser oder kann individuell abgestellt werden, ich gehe in die Räume, wo die Leute abhängen, mit denen ich abhängen will. Buzz und Wave zeigen, dass nicht die neuere Disse gewinnt, sondern die bessere. Dass es irgendwann eine noch bessere Boiz gibt, ist auch klar. Und dann, ja, stimmt, wird die Karawane weiter ziehen.

  5. Ich stimme zu, dass Google+ der nächste Evolutionsschritt ist, und denke auch, dass Twitter und Skype ganz verloren haben, während Facebook noch nicht ganz am Ende ist.

    Die Begründung ist ganz einfach: In der Theorie gibt es den Idealfall gesamt-menschheitlicher (und -dinglicher) Vernetzung und Kommunikation. Alle Social Networks und Entwicklungen diesem Bereich sind Annäherungen an den Idealfall. Wenn ein neues Netzwerk, wie Google+ mit dem Circles-Konzept und der Such- und Relevanz-Integration augenscheinlich ein Fortschritt in der Annäherung ist, hat Google+ heute schon gewonnen, insbesondere gegen alle Networks, die es ersetzen kann (Twitter, Skype, etc.). Facebook hat dabei noch die Chance von Google+ zu lernen und einen Implementierungs-Vorsprung.

    Dennoch denke auch ich, dass alle Wahrscheinlichkeiten auf Googles Seite sind. Wobei ich an dieser Stelle schon wieder an die Unzulänglichkeiten des Circles-Konzepts denken muss, das personen-zentrierte statt (viel relevantere) themen-zentrierte Kommunikation in den Vordergrund stellt.

    http://plus.andreas-hahn.com/

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