Delegation·Fertigung·Indien

Auf den Spuren von „Make in India“

Neun deutsche Journalisten besuchten deutsche Fertigungsunternehmen in Indien

Indien ist 2014 zur drittgrößten Wirtschaftsmacht der Welt aufgestiegen, sagt die Weltbank. Bis die Mehrheit der 1,25 Milliarden Menschen auf dem Subkontinent von diesem rasanten Aufschwung profitieren, ist es aber noch ein weiter Weg – das ist mein Resümee einer Journalistenreise, die Storymaker im Auftrag der Hannover Messe Ende Februar organisiert hat. Die Eindrücke, die in den sechs Tagen auf uns einstürmten, waren gewaltig. Und überraschend positiv. Trotz aller Probleme etwa bei der Infrastruktur und im Bildungssystem verbreiten die Menschen eine optimistische Grundstimmung. Das merken auch deutsche Unternehmen wie Rittal, Phoenix Contact, Festo, Siemens, ABB, Bosch Rexroth und Harting, die wir auf der Reise besucht haben. Sie gaben interessante Einblicke in die Chancen und Herausforderungen des indischen Marktes.

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Reisegruppe vor dem ABB Firmengebäude

Anlass der Reise: Indien ist 2015 das Partnerland der Hannover Messe. Der indische Premierminister Narendra Modi wird zur Eröffnung Hannover besuchen und sein Programm „Make in India“ vorstellen. Kurz gesagt geht es darum, den Anteil der fertigenden Industrie am Bruttoinlandsprodukt von heute 16 Prozent bis 2022 auf 25 Prozent zu schrauben und dabei 100 Millionen neue Jobs zu schaffen. Diese gewaltige Zahl ist notwendig, denn jedes Jahr drängen rund 15 Millionen neue Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt.

Die größte Herausforderung wird sein, diesen jungen Menschen eine Ausbildung zu verschaffen, die den steigenden Anforderungen einer modernen Industriegesellschaft genügt. Das ist bisher nicht immer der Fall. Die Absolventen der Industrial Training Institutes, vergleichbar mit deutschen Berufsschulen, haben ordentliches theoretisches Wissen. Allerdings hapert es an den praktischen Fähigkeiten. „Es dauert ein halbes Jahr, bis neue Mitarbeiter produktiv sind“, sagt T.K. Ramesh, Geschäftsführer von Micromatic Machine Tools, dem größten Anbieter von Werkzeugmaschinen in Indien. Das Unternehmen lässt seine Mitarbeiter im Technology Application Center von Siemens in Bangalore ausbilden. Dort lernen sie Grundzüge der Metallbearbeitung und die Programmierung von CNC-Maschinen. Auch für Siemens lohnt sich das, denn die Auszubildenden lernen den Umgang mit Sinumerik, der Maschinensteuerung von Siemens. Eine interessante Form der Kundenbindung, die beiden Seiten nützt.

Ähnliche Modelle zur Aus- und Weiterbildung haben wir auf unserer Reise immer wieder gesehen. Etwa bei Festo in Bangalore, das eine breite Palette von Kursen zur Industrieautomatisierung anbietet, für eigene Mitarbeiter und Kunden, sogar für Kunden von Wettbewerbern. Auch an einer Hochschule betreibt Festo ein Trainingscenter. Das Esslinger Unternehmen leistet damit einen Beitrag zum Aufbau des indischen Berufsbildungssystems, der sich langfristig für das Unternehmen auszahlen dürfte. Denn nichts ist in Indien so wichtig für gute Geschäftsbeziehungen wie Vertrauen. Und die indischen Gesprächspartner, die wir auf der Reise kennengelernt haben, haben eine Menge Vertrauen in deutsche Unternehmen.

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Schaltschränke von Rittal in Produktion

Das gilt umgekehrt genauso. Interessant fand ich die beiderseitige Offenheit und Begeisterung im Umgang miteinander. Das kenne ich aus China, das ich als Mitinhaberin unserer Pekinger Schwesterfirma regelmäßig bereise, in dieser Form eher selten. In China schwingt bei deutschen Unternehmern in der Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern zuweilen ein leichtes Misstrauen mit. Man kann den Unterschied gut am Schutz von geistigem Eigentum sehen: Die Probleme in China sind bekannt und die meisten Journalisten traten die Reise wohl mit dem Vorurteil an, dass es in Indien genauso sein müsse. Mitnichten. IP-Schutz werde in Indien groß geschrieben. Und wenn doch einmal Produkte kopiert würden, dann für den internen Gebrauch in der Firma. Die Befürchtung, dass deutsche Produkte ein halbes Jahr später als Billigkopien auf dem Weltmarkt auftauchen, sei demnach unbegründet.

Überhaupt: China. Das Land wurde in vielen Diskussionen als eine Art Benchmark für Indien genannt. Noch ist das große Vorbild weit entrückt, zu groß die Unterschiede in der Infrastruktur, der Energieversorgung und vor allem im Lebensstandard der Menschen. Ein Vorteil sehen viele deutsche Unternehmen jedoch im politischen System: Auch wenn sich Indien häufig in einem Wust von föderalen und basisdemokratischen Regulierungen selbst ausbremst, sei die freiere Gesellschaft langfristig ein wichtiger Vorteil.

Ein Thema zwischen den Journalisten und den Unternehmensvertretern war immer wieder die Frage nach der Vereinbarkeit von Qualität und niedrigem Preis. Indische Kunden wollten „Champagner zum Preis von Bier“, sagte Frank Stührenberg, Vorsitzender der Geschäftsführung von Phoenix Contact. Für deutsche Unternehmen ist das eine heikle Gratwanderung. Sie müssen kostengünstigere Produkte anbieten, ohne das deutsche Qualitätsversprechen zu opfern. Wie das geht, zeigte Phoenix Contact am Beispiel eines Steckergehäuses. Es erfüllt den gleichen Zweck wie das Pendant aus deutscher Fertigung, muss aber viel weniger Prüfstandards erfüllen. Deshalb wird das Gehäuse in Indien aus einem kostengünstigeren Kunststoff gefertigt, der aber im Praxiseinsatz gleichwertig ist. Insofern ist Indien für perfektionistische deutsche Ingenieure ein lehrreiches Beispiel, dass eine Lösung, die vielleicht nur 80 Prozent der Anwendungsfälle abdeckt, für viele Märkte völlig ausreichend sein kann.

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Frank Stührenberg, CEO von Phoenix Contact erzählt über die Herausforderungen in Indien

Der VDMA India, unser lokaler Partner für die Organisation der Delegationsreise, begleitete uns die gesamte Zeit in Indien. Ein Glück. So hatten wir immer jemanden an der Seite, der unsere zahlreichen Fragen zum Kastensystem, zur Religion oder der Stellung der Frau fundiert beantworten konnte. Natürlich haben wir mit unseren indischen Partnern auch über die Berichte von Vergewaltigungen diskutiert, die das Land in Europa zuletzt in ein schlechtes Licht rückten. Niemand wollte das kleinreden: Ja, das ist ein ungelöstes erschreckendes Problem. Nicht umsonst gibt es in den U-Bahnen in Neu Delhi eigene Abteile für Frauen. Umso erfreulicher, dass sich die Gleichberechtigung in der Arbeitswelt allmählich annähert. Bei Festo konnte ich mich beim Mittagessen mit einer Mitarbeiterin aus dem Call-Center unterhalten. Musste sie sich bei der Berufswahl gegen die Widerstände der Eltern durchsetzen, gar eine arrangierte Hochzeit eingehen? Nichts von alledem: „Meine Eltern haben mich sogar unterstützt, meinen Mann frei zu wählen. Wir haben uns auf der Arbeit kennengelernt.“ Auch wenn dieses Beispiel nicht der Mehrheit entspricht, birgt es Hoffnung.

Fazit der Reise: Ich habe einige Vorurteile über Bord geworfen und ein Land kennengelernt, das enorme Potenziale bietet.

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