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Wo war Frau Merkel?

Eindrücke vom 8. Maschinenbaugipfel in Berlin

„Der deutsche Standort wird nur mit Industrie 4.0 überleben“, sagte VDMA-Präsident Dr. Reinhold Festge, in der Begrüßung beim Maschinenbaugipfel, der jedes Jahr in Berlin von der Zeitschrift „Produktion“ ausgerichtet wird: Hundert konkrete Cases für die intelligent vernetzte Produktion will der VDMA zur Hannover Messe im Frühjahr 2016 präsentieren.

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Keine Bubbles, keine leeren Versprechungen, keine Skandale – so kennt man die überwiegend mittelständisch geprägte Branche, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft darstellt. Viele im Saal mögen Millionäre oder mehr sein, aber hart arbeitend und mit viel Ethik ausgestattet sind sie allemal.

Von der Politik erwarten sie bessere Steuerregelungen für die Vererbung von Familienunternehmen. Doch Finanzminister Dr. Wolfgang Schäuble, ein häufiger Gast, macht keine Hoffnung. „Wissen Sie, die Mehrheitsverhältnisse…“ zuckte er hilflos und schmunzelnd die Schultern.  Er halte es nicht mit seinem Opa oder vielen Politikern: „Was geht mich mein Geschwätz von gestern an.“ Was er verspricht, wolle er auch halten. Kein Hoffnungsschimmer also auf eine Flatrate oder weitere Verschonungsregelungen. Um sich dann dem Flüchtlingsthema zuzuwenden: „Die größte Herausforderung, die wir in den letzten 60 Jahren erlebt haben.“ Mit einem klaren Seitenhieb auf bayuwarische Illusionisten, die Grenzen schließen wollen: „Ich könnte ja Frau Honecker fragen, wie hat es denn der Erich damals mit der Mauer gemacht?“ Mit seiner ihm eigenen Art des schwäbischen Zynismus gab er den Entertainer – und rollte nach einer halben Stunde gut gelaunt wieder von dannen.

Are you ready?

„Bloß kein Geschwafel“ ist ein zentrales Anliegen der Ingenieursbranche. So nahm Dr. Manfred Wittenstein, einer der großen Visionäre der Branche, das Thema I 4.0“ in die Hand. Die Impuls-Stiftung des VDMA, eine Art Think Tank, erarbeitete ein „Readiness“-Modell, anhand dessen Unternehmen selbst bewerten können wie weit sie mit der Umsetzung sind. Das Online-Tool hat das Mega-Thema in Dimensionen unterteilt und gibt Firmen an, welchen Reifegrad sie aktuell besitzen. Ein Viertel der Firmen beschäftige sich bereits sehr handfest mit dem Paradigmawechsel. Zu wenig, vor allem bei den „Data Driven Services“ gäbe es noch viel Klärungsbedarf. Beim anschließenden World-Café, das bei annähernd 250 Teilnehmern erstaunlich gut funktionierte, formulierten die Teilnehmer denn auch, dass es vor allem bei der Entwicklung digitaler Angebote und einer Service- und Beratungskultur am meisten zu lernen gäbe. Was auch voraussetze, dass ein Schwerpunkt auf 4.0-Schulungen für die Mitarbeiter gelegt wird. „Wir brauchen Dienstleistungs-Ingenieure“, lautet der Auftrag.

Dass 4.0 hier und da schon gelebt wird, zeigte die Firma Schunk. Mit dem Forschungsinstitut KIT aus Karlsruhe wurde ein Werkzeugkasten entwickelt, aus dem die ersten „smarten Greifer“ hervorgingen. Der Greifer erkennt Bauteile, analysiert die Umgebung (Conditioning Monitoring) und packt dann selbstsicher zu. Auch in der Wartung, wenn Maschinen selbst Störungen erkennen und Alarm geben, sehen die Industrieausrüster Chancen, ihr Portfolio zu erweitern. Was fehlt, sind Geschäftsmodelle zur datengetriebenen Wertschöpfung. „Da tun wir uns schwer“, gestand Geschäftsführer Dr. Klaiber.

Auszeichnung für die Besten

Ein besonderes Highlight beim Branchen-Gipfel ist immer die Award-Verleihung beim Gala-Abend. Die Jury war sich einig, dass der 81jährige Gerhard Sturm (legte den Grundstein für ebm papst) und Dr. Manfred Wittenstein gleichermaßen Unternehmergeschichte geschrieben haben: Mit Innovationen und unternehmerischem Mut. Die Laudatio nahm Dieter Brucklacher vor, 75 Jahre jung und Ex-Chef des Oberkochener Werkzeugherstellers Leitz, mein Lieblings-Storyteller unter den Maschinenbauern. (Ich lauschte ihm so genüsslich, das ich vergaß, ein Zitat aufzuschreiben, sorry).

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Tja, und dann kam Wirtschaftsminister Gabriel und warb um Arbeitsplätze beim deutschen Maschinen- und Anlagenbau für die Flüchtlinge. Auch wer einen Ausbildungsplatz hat, soll künftig bleiben dürfen. Er würde sogar einen Schritt weitergehen, und „unbefristeten Aufenthalt geben, wer bei uns Arbeit findet“. Der VDMA liegt da ganz auf seiner Linie und sieht die Flüchtlinge als Chance, die Fachkräftelücke zu verkleinern. „Wir sind dafür und keine Gegner“, sagte Präsident Festge in Richtung Pegida und andere.

Zukunftsringen ohne die Kanzlerin

Zwei Bundesminister – ist das Wertschätzung genug für den deutschen Maschinenbau? Ich weiß nicht, wo die Bundeskanzlerin an den beiden Tagen war. Aber dass sie es noch nicht ein einziges Mal schaffte, diesen Gipfel vor ihrer Haustür zu besuchen, ist ein schwaches Bild. „Made in Germany“ ist in erster Linie das Verdienst der Ingenieure im Maschinen- und Anlagenbau, nicht der Hochglanz-Modelldesigner und glitzernden Consumer-Marken. Diese hochspezialisierten Hersteller ertüfteln die Technik, damit Autos und Flugzeuge immer besser gebaut werden können. Ohne ihre Innovationen wären die Verbrauchermarken und der Wirtschaftsstandort Deutschland nicht halb so viel wert.

Und sie sind es, die um die Produktion der Zukunft ringen. Zum Abschluss ging es auf dem Podium um „Digitalisierung – USA, Asien und Europa“. „Technology has no borders“, sagte Richard Soley, der charismatische Botschafter der amerikanischen Allianz IIC. Dr. Wittenstein unterstützte: „Es geht nicht um einen Sieger bei Industrie 4.0. Die Welt wächst zusammen. Auch wir müssen mehr zusammenarbeiten, selbst mit unseren Wettbewerbern.“ Wie immer geht es am Ende darum, wer das beste Konzept wirklich umsetzt. Für China, räumte der Vertreter der Shenyang Machinery Tools ein, ist „Deutschland das Beste. China orientiert sich an Industrie 4.0.“ Bei ihrem China-Besuch im November wird die Bundeskanzlerin sich über viele Komplimente für den deutschen Maschinenbau wieder freuen dürfen. Vielleicht kommt sie ja dann im nächsten Jahr…

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