Food Technology

Ein anderes Ende für #Wurstgate!

Mit der öffentlichkeitswirksamen Verdammung der Wurst in die Kategorie “krebserregend für Menschen” haben die Wissenschaftler der WHO eine große Chance für eine neue Kommunikation über Essen geschaffen. Leider hat das vor allen Dingen die Lebensmittelindustrie noch nicht erkannt.

Gut eine Woche nach der Verkündung der WHO-Entscheidung haben sich die Wogen der öffentlichen Erregung auf allen Seiten etwas geglättet, alle Witzchen sind gemacht und alle Wortspielchen strapaziert worden. Das bietet die Gelegenheit, etwas grundlegender zu reflektieren, was da aus kommunikativer Sicht passiert ist – und was bislang nicht passiert ist.

Das Verdikt der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) bei der WHO platzte mitten in eine ohnehin gesellschaftliche Debatte über „was gutes und was schlechtes Essen sein mag“. So gab es jene, wie der schreibende Koch Vincent Klink, der in der Süddeutschen Zeitung das Urteil zum Aufruf ummünzte, nur handgemachte Würste zu verzehren. Es sei nicht die Wurst, sondern die industrialisierte Lebensmittelproduktion, die den Krebs erzeuge. Auf der anderen Seite standen Industrievertreter, die in alte Abwehrmuster verfielen. Die Lebensmittelzeitung zitierte Wolfgang Ingold von der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, wie er die Autoren der Studie nur in Anführungszeichen „Wissenschaftler“ nennen mag. Australiens Agrarminister erregte sich, es sei eine Farce, dass verarbeitetes Fleisch nun auf einer Stufe mit Zigaretten stünde. Mittendrin und drum herum schwirrten Twitter-Beiträge, die das wissenschaftliche Urteil – immerhin eine Auswertung von 800 Studien – ins Lächerliche zogen. Nicht zu vergessen sei ein guter Freund von mir, der erst öffentlich den Austritt aus der WHO vorschlug, um dann rasch beim Fleischer einen trotzigen Großeinkauf zu tätigen.

Kurz, ein Großteil der Äußerungen spiegelte die bekannten Reiz-Reaktions-Schemata einer ewig alten und wiederholten Diskussion wider. Es wäre bitter, würde #Wurstgate einen solch vorhersehbaren und nutzlosen Abschluss finden. Bekanntlich hat alles ein Ende, nur die Wurst hat zwei – warum nicht die Gelegenheit zu einem anderen Ende von #Wurstgate nutzen?

Bei aller Aufregung ging nämlich ein wenig unter, wie einig sich doch die meisten waren (mal abgesehen von Vegetariern und Veganern, die allerdings das WHO-Urteils für ihre Entscheidung ohnehin nicht brauchten): das Urteil der WHO sei überzogen. Wurst macht krank? Das widerspricht der persönlichen Erfahrung. Diese kollektive kognitive Dissonanz bietet eine großartige Gelegenheit für eine neue Kommunikation über Lebensmittel. Gerade die Lebensmittelindustrie kann das nutzen.

Der Fall bietet die Möglichkeit, mit grundlegenden Missverständnissen in der Kommunikation über Lebensmittelrisiken aufzuklären. Statt ein WHO-Urteil anzuzweifeln, verspräche es mehr Erfolg, bei der allgemeinen Irritation anzusetzen. Wie kann es sein, dass ein Standardlebensmittel zum Krankmacher erklärt wird? Einmal auf diese Frage eingelassen, kann vieles geklärt werden (so, wie es zum Beispiel Joachim Müller-Jung in der FAZ mühevoll getan hat).

Es sind die Klassiker der Risikokommunikation, die hier an vielen Stellen falsch gelaufen sind. Die 18 Prozent wurden zum Beispiel zusammenhangslos kommuniziert und suggerierten dramatischere Risiken, als tatsächlich gemeint. Die Unsicherheit wissenschaftlicher Arbeit wurde kaum thematisiert. Denn mit der Wurst ist es nicht viel anders, als mit den Dioxin-Eiern vor ein paar Jahren. Es ist sogar nicht signifikant anders als mit dem verteufelten Glyphosat. In allen drei Fällen herrschen riesengroße Missverständnisse. Nur während es bei der Wurst instinktiv auffällt, fielen die Dioxin-Eier und das Pflanzenschutzmittel in altbekannte Kategorien von „gut“ und „böse“.

Die Tatsache, dass dies bei dem verarbeitenden Fleisch nicht so ist, bietet die Chance, über die Tücken der Risikobewertung und der Komplexität von Risiken zu kommunizieren. Das verlangt – und bietet aber auch die Chance zu – mehr Ehrlichkeit: Ja, zu starker Fleischkonsum kann die Gesundheit beinträchtigen. Das macht Fleisch aber noch lange nicht zur Zigarette. Es geht um das Verhältnis von Risiken und Nutzen. Es geht um das Maß an Risiko, das wir uns zumuten wollen. Es soll nicht gesagt sein, dass es damit getan wäre. Die Risikokommunikations-Forschung sagt uns, dass noch mehr zu tun ist. #Wurstgate hat einen Chance eröffnet, neues Gehör zu finden. Das wäre zumindest ein guter Startpunkt für die Kommunikation.

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