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Wider den Wahn oder: Danke, Herr Sprenger

Immer öfter denke ich: Wir drehen durch! Jede Mücke wird ein Elefant, jeder Flüchtling ist ein potenzieller Terrorist, jeder Schneefall wird zur Jahrhundertkatastrophe erklärt. Hypes, Skandale, Sensationen – der Wahn tobt. Zu diesem spontanen Beitrag hat mich Reinhard Sprenger motiviert, der mir mit seinem neuen Buch „Das anständige Unternehmen“ aus der Seele spricht.

Hier einige Wahn-Entwicklungen, die meines Erachtens dem Anstand entgegenstehen:

Controlling-Wahn
Meine liebste Redewendung lautet „Die Sau wird nicht vom Wiegen fett“. Das habe ich in den letzten Jahren immer wieder Beratern an den Kopf geworfen, wenn sie noch mehr neue Listen und Auswertungen bei uns einführen wollten. Excel ist ein wunderbares Tool, aber auch eine schreckliche Waffe für jeden Kontrolleti. Da werden Auslastungsdaten rauf und runter analysiert, die Rentabilität von jedem Murks berechnet. Seit längerem weiß man als Führung, dass man sich von Planungen und Prognosen weitgehend verabschieden muss. Nur Flexibilität und Dynamik helfen zu überleben. Um im Bild zu bleiben. Ich muss permanent nach neuen Futtertrögen suchen anstatt neue Waagen zu kaufen.

Reporting-Wahn
Bedenklich wird es, wenn Unternehmen schon nach dem ROI einer Pressemeldung fragen! Die Kreativität fließt in immer neue Reporting-Anforderungen statt in neue Ideen. Wer liest diese Reports überhaupt? Welche Schlussfolgerungen werden daraus gezogen? Analytics ist fraglos für MarKom von wachsender Bedeutung – etwa für das Erkennen von Trends und neuen Themen. Das Gold liegt aber in der Vorausschau und nicht der Rückschau. Und in dem Mut, kreative Ideen umzusetzen.

Regulierungswahn
Frei- und Spielräume sind etwas sehr wertvolles. Jeder sollte sie schätzen und schützen. Aber zunehmend scheint es so, als seien immer mehr darauf getrimmt, dass man am besten durchs Leben kommt, wenn man sich an Regeln hält. Regelwerke sollen auch verhindern, dass Einzelne die Freiräume missbrauchen. Und schwuppdiwupp leben alle in einem Korsett, das freies Atmen und Bewegen verhindert. Ich weigere mich seit Jahren hartnäckig Dinge seitens der Geschäftsführung zu regeln, die meines Erachtens mit dem gesundem Menschenverstand und einem gemeinsamen Verständnis von Hilfsbereitschaft und Anstand unter Kollegen selbständig geregelt werden können – Urlaub, Vertretung, Arbeitszeiten, Überstunden.

Wehret dem Wahn! Alles was übertrieben wird, ist von Nachteil.
Auch wenn es gut gemeint ist.
Das Plädoyer für das „anständige Unternehmen“ kann ich voll unterschrieben. Ja, wir Unternehmer müssen uns am Riemen reißen und aufpassen, dass wir vor lauter Optimierung und Fürsorge die Verantwortung, die jeder Einzelne für sein Denken und Handeln hat, nicht ersticken. Ich möchte den „Anstand“ aber als Prinzip sehen, das unser Zusammenleben erträglich macht. Wir brauchen freie Menschen in freien Unternehmen.

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1 Reply

  1. Danke für den Hinweis auf das Buch, ist ganz mein Geschmack und nun auf der Wunschliste. Unabhängig von Sprengers Aussagen sind mir seine Ansätze geläufig, einfach weil gesunder Menschenverstand sie ja wirklich geradezu vermitteln. Ich beschäftige mich viel mit Social Media in meiner Position und kann jedem noch davon abraten, Redaktionspläne einzuführen, die die Motivation der Mitarbeiter z. B. beim Bloggen geradezu auf Null schraubt, da Papier geduldig ist und Pläne nie in den Arbeitsalltag passen. Da muss man flexibel bleiben und nicht immer nur hier und da an der Regelschraube drehen. Es bringt einfach nichts.

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