Videoproduktion·Visuelle Kommunikation

Storytelling in 360° Videos: Herausforderungen und Chancen

360° Videos sind salonfähig geworden. Die Produktion ist mittlerweile auch mit kleinerem Budget möglich und durch die Einführung der 360° Option in YouTube und Facebook können die Clips ein Millionenpublikum erreichen. Wohlgemerkt: Können. Denn gerade in punkto Storytelling wird noch viel probiert. Manches funktioniert, manches aber auch nicht. Ein Grund für uns als Storymaker, das mal genauer unter die Lupe zu nehmen – in Theorie und Praxis. Im Folgenden habe ich die aus meiner Sicht wichtigsten Aspekte für Storytelling in 360° zusammengefasst.

Produktion360

Die Produktion eines 360° Videos bei Storymaker


  1. Die Stärke: miterleben statt nur zuschauen.
    Reportagen und Berichte von Events haben von jeher ein Ziel, nämlich: die Zuschauer ein Ereignis miterleben zu lassen und ihnen das Gefühl zu geben, dabei zu sein. Genau das funktioniert besonders gut in 360° Videos wie dieses eindrucksvolle Beispiel zeigt:

    Die Zuschauer sind mittendrin, können ihren Blickwinkel selbst bestimmen und werden so Teil des Geschehens. Vor allem VR-Brillen oder Cardboards machen das Filmschauen zu einem immersiven Erlebnis. Wenn die Kopplung von 360° mit Live-Streaming noch zugänglicher und einfacher wird (wie von YouTube bereits angekündigt), haben wir das perfekte Tool für die Live-Kommunikation von Messen und Events. Doch natürlich reicht es nicht aus, eine Kamera einfach in die Mitte des Geschehens zu stellen und alles zu filmen, was uns vor die Linse kommt. Die Art wie wir Geschichten in 360° erzählen ist ein entscheidender Faktor, ob das Medium seine Wirkungskraft entfaltet.

  1. Neue Gestaltungsmittel für bewährte Formate.
    Bekannte filmische Gestaltungsmittel wie häufige Einstellungswechsel, extreme Nahaufnahmen, schnelle Kamerafahrten oder Zooms katapultieren die Zuschauer aus dem Film. In 360° müssen die Einstellungen deutlich länger stehen (mindestens 10-15 Sekunden), damit sich die Zuschauer auch umschauen und orientieren können. Die Handlung um die Kamera herum muss genau geplant und gegebenenfalls choreografiert werden, denn es gibt kein „vor“ und „hinter der Kamera“ mehr. Sicher sind 360° Videos nicht für jedes bewährte Format eine Lösung. So sind z.B. komplexe Interviews nicht so einfach in 360° zu übertragen. Eine sehr aufwändige Alternative hat „The Verge“ in diesem Interview mit Michelle Obama ausprobiert:
  1. Die große Herausforderung: Steuerung der Aufmerksamkeit
    360° Videos zeichnen sich dadurch aus, dass die Zuschauer ihren Blickwinkel selbst bestimmen – sich also in gewisser Weise vom Filmemacher emanzipieren. Wollen wir dennoch die Aufmerksamkeit der Zuschauer im Sinne unserer Story lenken, dann müssen wir mit optischen oder auditiven Reizen (Musik, Licht, Schriften etc.) arbeiten. Dieser sehr gelungene Film über häusliche Gewalt baut die Blickführung als Element ins Storytelling ein:

360° Videos unterscheiden sich in vielen Punkten wesentlich von 2D-Filmen. Das heißt aber auch, dass wir gewohnte filmische Gestaltungsmittel nicht einfach adaptieren können. Vielmehr müssen wir eine neue filmische Sprache finden, die mit den Stärken von 360° arbeitet. 360° Videos erfordern von den Zuschauern ein höheres Ausmaß an Aktivität – sei es durch das Bewegen des Cursors, das Hin-und Herschwenken des Smartphones oder das Drehen des Körpers beim Betrachten mit einer VR-Brille. Damit ändert sich nicht nur der Modus, in dem Zuschauer die Story rezipieren, sondern möglicherweise auch deren Erwartungen: Zuschauer bringen eine noch höhere Bereitschaft mit, sich in die Story hineinzubegeben. So werden auch Gaming-Ansätze im Storytelling immer wichtiger.

Noch sind wir technisch in etwa auf dem Level der Dampflok-Einfahrt der Brüder Lumière (vgl. STORYBLOGGER vom 07.07.2016). Doch 360° Videos geben uns heute schon einen Vorgeschmack, wie wir in Zukunft Geschichten erzählen. Bis dahin ist noch einiges zu tun. Wir bei Storymaker freuen uns auf die Herausforderung!

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