Digitale Kommunikation·Digitalisierung·Social Media

„Jeder will seine Nachbarn besser kennen“

Vor einigen Wochen flatterte mir ein Zettel in den Hausbriefkasten. Auf diesem wurde sehr sympathisch und authentisch eine neue Nachbarschafts-Community angepriesen, die mir dabei helfen sollte, mich mit meinen Nachbarn (die ich im Westen Münchens tatsächlich nicht besonders gut kenne, weil ich meistens früh aus dem Haus gehe und abends zurückkomme) zu verkoppeln. Der Name: nebenan.de.

Als kurz darauf für mich vollkommen überraschend eine Titelgeschichte zu nebenan.de in der deutschen Wired erschien, war ich von der Geschichte begeistert – dann bin ich dem Impuls gefolgt und habe mich angemeldet. Was ich gefunden habe – nach einer Verifizierung meines Wohnorts über eine Postkarte! – ist eine quicklebendige Community, in der offenbar deutlich mehr läuft als in meiner Facebook-Timeline. Und die viele Fragen bei mir aufgeworfen hat. Etwa, inwieweit kleine, geschlossene Gruppen nicht viel bedeutender für Kommunikation und Marketing sind, als die gigantischen Netzwerke? Und ob Yoga tatsächlich die Hauptbeschäftigung meiner Nachbarschaft ist? Außerdem wollte ich wissen, wer eigentlich hinter nebenan.de steht. Also habe ich mit Co-Gründerin Ina Brunk gesprochen.

Björn Eichstädt: Ina, wie ist Deine Rolle bei nebenan.de?
Ina Brunk: Ich habe nebenan.de mitgegründet und bin operativ vor allem für die Außendarstellung von nebenan.de zuständig – Marketing, PR, Storytelling, Kommunikation. In der Vergangenheit habe ich in Werbeagenturen und in der Marktforschung gearbeitet und mich dann im Bereich Markenberatung selbstständig gemacht. Dabei habe ich vor allem auch mittelständische und Familienunternehmen beraten. Ich wollte mit Kommunikation eigentlich immer etwas „Gutes“ erreichen, mich mit Werten auseinandersetzen. Parallel dazu bin ich Gründungsmitglied des Vereins „Junge Helden“, der seit 13 Jahren Aufklärung zum Thema mit Organspende betreibt. Über diesen Weg habe ich dann auch Till Behnke kennengelernt, der zuvor betterplace.org gegründet hatte.

BE: Und dann habt Ihr nebenan.de gegründet.
IB: Nicht sofort, nein. Wir hatten eigentlich eine andere Idee. Aber dann haben wir unsere ursprüngliche Idee bei Serial Entrepreneur Christian Vollmann vorgestellt, um uns eine neutrale und fachlich kompetente Meinung einzuholen. Und der mochte die Idee – meinte aber, er hätte selbst eine Idee, die ihn schon länger umtreibt. Er wollte seine Nachbarschaft beleben und die Leute dort kennenlernen. Über eine neue Form von Social Network. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich bin auf der schwäbischen Alb aufgewachsen; in meiner Kindheit war Nachbarschaft sehr wichtig. Aber als ich mit 19 Jahren nach Berlin ging, da war das Thema erstmal vergessen. Aber irgendwann kam dieses Bedürfnis wieder und ich habe festgestellt: ich kenne nicht wirklich jemanden in meiner Straße. Und es passte auch beruflich zu mir: eine GmbH mit einem sozialen Mehrwert.

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Pressebild nebenan.de
Die drei Gründer von nebenan.de: Till, Ina und Christian.

Foto: nebenan.de

BE: Wie kam Christian ursprünglich auf die Idee für nebenan.de?
IB: Er ist vor etwa 5 Jahren innerhalb Berlins mit der Familie umgezogen. Und spürte, dass ihm eine Anbindung fehlt. Gleichzeitig war ihm als Tech-Gründer und -Investor bewusst, dass in den USA das Thema Nachbarschaftsplattformen bereits einen gewissen Stellenwert hatte. In der neuen Nachbarschaft ist er also losgezogen und hat bei den Nachbarn einfach geklingelt. Viele haben ihn hereingebeten und er hatte eine Menge netter Unterhaltungen – und eine lange Liste von Email-Adressen. Nur: wie sollte er Kontakt halten. Da kam die Idee mit der Nachbarschafts-App.

BE: Wie sorgt nebenan.de dafür, dass tatsächlich Leute aus einer Nachbarschaft zusammenkommen?
IB: Wenn ich meiner Nachbarschaft beitreten möchte, dann läuft es über einen Registrierungsprozess auf unserer Website oder direkt in der App. Ich muss Name, Adresse und Postleitzahl hinterlassen und mich zusätzlich auch noch verifizieren. Über eine Postkarte, die an meine Adresse geschickt wird, über meinen Personalausweis oder über GPS-Lokalisierung. Damit sind wir dann ziemlich sicher.

BE: Die ist ja inzwischen eine ganze Zeit live und die bestehenden Communities scheinen sehr aktiv. Zumindest meine eigene im Münchner Westen. Wieso ist da so viel mehr Interaktion als Teilweise in meiner Facebook-Timeline?
IB: Ich glaube, ein wichtiger Aspekt ist, dass wirklich jeder seine Nachbarn besser kennen will. Gerade die Digitalisierung hat neben viel Gutem eben auch eine gewisse Entfremdung gebracht. Wenn ich global unterwegs sein kann, wieso soll ich dann mit den Nachbarn interagieren. Wir leben eben in einer Gesellschaft, in der ich nicht zwingend auf die Nachbarschaft angewiesen bin. Aber gleichzeitig fehlt etwas. Ein Vakuum ist entstanden. Denn meine Nachbarschaft ist ja einfach auch mein zuhause.

BE: Da habt Ihr eine Lücke erkannt und Eure Lösung scheint dankbar angenommen zu werden. Hast Du ein paar Zahlen für mich und die Storyblogger-Leser?
IB: Deutschlandweit gibt es etwa 6000 aktive Nachbarschaften. Diese werden in der Regel von uns definiert – wir arbeiten hier auch mit einem Geografen zusammen. Die ersten Anmelder für die Nachbarschaft helfen uns. Etwa 5000 Haushalte definieren die zahlenmäßige Grenze einer solchen Nachbarschaft. Derzeit gibt es in den 200 größten deutschen Städten bereits aktive Nachbarschaften. Insgesamt etwa 700.000 Nutzer. Angefangen haben wir damals in Berlin, München und Hamburg. Und natürlich haben wir hier auch die meiste Frequenz – unter anderem auch, weil die Entfremdung größer ist.

BE: Aber auch die kleineren Städte wachsen, oder?
IB: Absolut. In Franken sind einige kleinere Städte zum Beispiel sehr aktiv. Denn dort verschwinden Orte der Begegnung, Kneipen machen zu, Menschen laufen weniger und fahren mehr Auto. Damit etwas läuft braucht es dort aber ein paar sehr aktive Antreiber. Denn Communities, egal ob Sportverein oder Nachbarschaft, brauchen jemanden, der sie antreibt.

BE: Bisher ist das Gefühl in den Communities noch so wie am Anfang bei Twitter oder Facebook. Es ist alles schön amateurhaft. Werbung ist selbstgemacht. Aber ab Ende 2018 sollen auch offizielle Werbemöglichkeiten kommen. Macht Ihr die kuschelige nette Digitalnachbarschaft schon wieder kaputt?
IB: Diese Gefahr könnte natürlich bestehen. Deshalb werden wir ganz behutsam vorgehen. Etwa nur die Werbemöglichkeit für lokal ansässiges Gewerbe einführen. Wer einen Laden um die Ecke hat, der soll auch seine Angebote vorstellen können. Aber wir wollen es eben gerade nicht wie die anderen machen. Denn das würde den wunderbaren Nachbarschaftsaustausch im Keim ersticken. Wir werden also wahrscheinlich so vorgehen wie ganz am Anfang: Briefe schreiben, anklopfen, Leute Fragen und einen passenden Mechanismus finden.

BE: Metzger, Bäcker und Wäscherei – das ist lokal ansässiges Gewerbe. Aber auch die Supermärkte großer Ketten können für eine Nachbarschaft wichtig sein. Oder die Tatsache, dass Amazon Fresh dort ausliefert. Wo ist die Grenze für lokal?
IB: Am Anfang werden wir das sicher eher eng sehen. Wer ein Ladengeschäft hat, der wird werben können. Ein Bäcker, Kiosk oder eine Apotheke. Vor allem der Dialog mit den Nachbarn wird hierbei wichtig sein. Aber klar, die Ketten können auch wichtig sein oder globale Player. Da müssen wir uns ranpirschen. Schließlich haben wir es mit 6000 Mini-Social-Networks zu tun. Da liegt einiges an Arbeit vor uns, dass die alle zufrieden bleiben und der Mehrwert einer funktionierenden Nachbarschaft dauerhaft im Fokus steht.

BE: Viel Erfolg dabei und danke für das Gespräch!

Bildnachweis: Pressebilder nebenan.de

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