Storymaker

Es ist nie zu spät

Als Unternehmerin war ich eher eine Spätzünderin. Erst mit 47 fühlte ich mich reif und frei genug, um mich auf dieses Abenteuer einzulassen. Die Schwaben werden erst mit 40 klug, heißt es sprichwörtlich. In meinem Fall brauchte die Schwäbin noch ein paar Jahre mehr. Allerdings war ich zuvor bereits zehn Jahre selbständig als Freelancerin unterwegs. Eines Tages, nachdem ich wegen der vielen To-Dos mal wieder den Urlaub verschieben musste, setze ich mich hin und addierte die verkauften Stunden. Aufträge für 380 Tage schienen mir dann doch für eine Einzelperson zu viel. Darüber hinaus beflügelte mich das Ende meiner ersten Ehe. Eine neue Lebensphase stand bevor. Freiheit! Mut! Aufbruch! Kurzentschlossen mietete ich ein 5-Zimmer-Büro und zog dort mit meinem Hund, einer Assistentin und einer Teilzeit-Buchhalterin ein. Gespräche mit Kunden und Kollegen aus der Freelancer-Zeit versprachen zusätzliche Aufträge und gaben mir das Gefühl, nicht allein zu sein.

An Fehlern führt kein Weg vorbei

Natürlich fehlte mir viel Know-How darüber, wie man ein Unternehmen führt. Ich hatte zwar darüber geschrieben, wie es andere machen. Aber selber diesen Schritt zu gehen, ist etwas grundlegend anderes. Natürlich machte ich Fehler, vor allem mit Mitarbeitern. Ich stellte ziemlich schnell mehr als ein halbes Dutzend Leute ein. Mir nichts dir nichts hatte ich zu hohe Kosten und zu wenig Umsatz. Kritik, wahrscheinlich unsensibel geäußert, brachte mir eine Rebellion einiger Mitarbeiter ein, die mit einem Betriebsrat drohten. Noch nicht die erste Bilanz gemacht und schon den Arbeitskampf in der Agentur. Nee, so nicht. Ich kündigte den Rebellen, zog vor das Arbeitsgericht, verlor viel Geld und zog daraus die Lehre: Personalarbeit ist die größte Herausforderung. Das sehe ich bis heute so: Zahlen kann man schnell korrigieren und diese sind nicht nachtragend. Fehler in der Personalführung hallen lange nach.

Ein zweites Problem rollte im zweiten Jahr auf mich zu, weil drei Kunden gleichzeitig insolvent gingen und ich auf den Rechnungen sitzen blieb. Die erste Internetblase der späten 90er und frühen 2000er Jahre hatte ihre Spuren hinterlassen. Ich liebte die alte Handschlag-Manier zwischen Geschäftspartnern und wollte liebend gerne eine „Zero-Contract“-Strategie fahren. Aber ich merkte, dass das in schwierigen Zeiten ein Himmelfahrtskommando werden kann. Es fällt mir bis heute schwer, lange über Verträge zu verhandeln und in Worst-Case-Szenarien zu denken.

Hätten mich Gespräche mit anderen Gründern vor diesen Anfangsfehlern bewahren können, wie es Mirko Kaminski von Achtung! in einem aktuellen Beitrag empfiehlt? Ein entschiedenes NEIN! von meiner Seite. Unternehmertum ist meiner Überzeugung nach nichts, was man von anderen über reinen Informationsaustausch lernen kann. Da helfen auch keine klugen Managementbücher, auch keine eloquenten Berater, die es besser wissen, obgleich sie selber noch nie ein Unternehmen gegründet haben – oder damit sogar gescheitert sind.

Mich hatte ein befreundeter Unternehmer gewarnt: „Du wirst durch Blut waten und am Ende sehr einsam sein!“ Puuuh – so was will sich ja keiner antun. Deshalb will ich das nicht hören. Es geht für mich nur über die eigene Erfahrung und Niederlagen, Risiken, Fehler gehören dazu. Das ist wie bei der Entscheidung, ein Künstlerleben zu führen, die Sahara zu durchqueren oder eine Beziehung einzugehen. Noch so gute Warnungen halten dich nicht davon ab, wenn du es wissen willst! Es gehört zu den Eigenschaften des Menschen, dass wir meist nur durch eigene Erfahrungen lernen. Sonst gäbe es längst keine Kriege mehr.

So einfach wie möglich

Spontane Entscheidungen aus dem Bauch heraus haben mir aber nicht nur Negatives, sondern auch viel Positives gebracht. MitarbeiterInnen der ersten Stunde sind zu wichtigen Wegbegleitern geworden. Bei den meisten Einstellungen der letzten 16 Jahre habe ich mich auf mein Gefühl verlassen, das mich nur ganz selten im Stich ließ. Etwa, wenn ich mehr auf vermeintliche Kompetenzen geschielt habe, die uns dringend fehlten, anstatt auf die Haltung zu achten. Es sind die gemeinsamen Werte, die ein Team zusammenschweißen. Nur dadurch zählt Storymaker heute mehr als 50 Mitarbeiter, ist in China und in Japan aktiv – derartige Perspektiven kamen in meinen kühnsten Träumen nicht vor.

Mein ständiger, auch innerer Kampf bis heute gilt dem Thema: Stopp der Regulierungswut. Wenn ich einen Rat an Gründer geben wollte, dann diesen: Lasst Euch von Managementmethoden nicht verführen. Jedes HR- oder Controllingseminar bringt neue Weisheiten. Zufriedenheitsumfragen, Gesprächsleitfäden, Analyseinstrumente, Bedarfsabfragen, Effektivitätsmodelle, SWOT-Grafiken. Der Werkzeugkasten der Berater ist proppenvoll. Jede Methode hat gewiss ihre Berechtigung. Aber ein Unternehmen ist kein Versuchstier im Labor der Managementforscher.

Jedes Ding hat seine Zeit

Hätte ich früher mein Unternehmen gründen sollen? Eine hypothetische Frage. Wenn ich die Stärke gehabt hätte, hätte ich es gemacht. Manchmal blicke ich etwas neidisch auf die jugendlichen Startups, die noch so viele Jahre der aktiven Gestaltung vor sich haben. Andererseits frage ich mich: Was machen die mit 50, wenn sie schon alles erlebt und kennengelernt haben. Ich habe zehn Jahre Selbständigkeit gebraucht, damit die Bereitschaft zum unternehmerischen Risiko wachsen konnte. Und ich habe rund 20 Jahre, um das Unternehmen zu gestalten und auf sichere Füße für die Zukunft zu stellen. Das ist okay. Ein Unternehmen braucht fünf Jahre um zu zeigen, dass es lebensfähig ist. Zehn Jahre bis es einen Charakter, eine Kultur entwickelt hat und nach fünfzehn Jahren kann es sich den Luxus erlauben, nach vorne zu blicken und vermehrt zu experimentieren.

Nächstes Jahr werde ich 65 und muss? darf! werde mich mit der Aufgabe beschäftigen, wie ich die Nachfolge so gestalte, dass vor allem eines gesichert ist: Eine Atmosphäre, in der sich die heutige und die kommende Generation an MitarbeiterInnen wohl fühlt, jede Person ihre Stärke entwickeln kann und alle gemeinsam auf eine Heldenreise gehen können. Gegenüber der Gründung der Agentur macht mir das mehr Kopfzerbrechen, weil ich das Gefühl habe, dass ich mir keine Fehler erlauben darf, weil nicht ich, sondern die nachfolgende Generation es ausbaden müsste.

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