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Personalführung: Mehr Ausnahmen, weniger Regeln

Ein Plädoyer wider Gleichmacherei

„Wie ist das geregelt?“ Diese harmlose Frage aus dem Kreis der MitarbeiterInnen bringt Führungskräfte immer wieder in Bedrängnis. Insbesondere dann, wenn Einzelfälle zitiert werden, die etwas dürfen was anderen verwehrt wird. Blitzschnell wird aus einer Ausnahme eine Regel. „Kollege xy ist mit dem Taxi gefahren – warum soll ich öffentliche Verkehrsmittel nehmen?“ – „Warum habe ich kein Firmen-Smartphone?“

Über Regeln lassen sich endlose Diskussionen führen. Wir Deutschen sind Weltmeister in Regelwerken und Verwaltungsvorschriften. So umfassen die Ausführungsbestimmungen für das deutsche Steuerrecht mehr Seiten als die für den Rest der Welt. Kürzlich hatten wir in der Agentur einen Sicherheits-Check von der Berufsgenossenschaft. Okay, ich verstehe, dass es Fluchtwege und Feuerlöscher geben muss; ein Erste-Hilfekurs ist was Praktisches und kann Leben retten. Nun müssen wir uns jedoch zusätzlich Gefahrenpotenziale aus den Rippen saugen, weil es die Vorschrift so will. Die Krawatte, die in den Aktenvernichter rutschen kann, der Rollcontainer unter dem Schreibtisch, in dem ich mir die Finger zerquetschen könnte. Wehe, du erkennst zu wenig Gefahrenstellen! Die Regel wird zum Selbstzweck, sie zu befolgen kostet Zeit und Geld und lenkt von unserem eigentlichen Zweck ab: Eine gute Atmosphäre für das Team und Mehrwert für die Kunden schaffen.

Gleichmacherei durch Regeln

Braucht man für die Personalführung viele Regeln? Nein! Zwei Gründe: Jede Regel enthält eine Verallgemeinerung, tendiert zur Gleichmacherei. Zweitens schränkt sie individuelle Handlungsspielräume ein und belohnt denkfaules Verhalten. Regelkonforme Mitarbeiter müssen jeder kreativen Agentur ein Graus sein. Regeln sind wie Statussymbole (egal ob es um den Firmenwagen oder den Senator Status geht): häufig überflüssig! Statt auf Regelwerke setzen wir bei Storymaker auf flexible Leitplanken und viele, viele individuelle, bedarfsbetonte Ausnahmen.

Flexible Leitplanken definieren Korridore, in denen sich jede/r frei bewegen kann und die faire Bedingungen garantieren: Fairness, Transparenz, „Wir vor Ich“ – und die im Bedarfsfall auch mal nachgeben können. Je stärker das Bewusstsein für gemeinschaftliches Handeln, für Teamgeist und die Balance zwischen Geben und Nehmen, desto breiter ist die Straße der individuellen Freiheiten. Was aber tun bei Missbrauch durch Einzelne? Klar, dass Regeln kurzfristig das Führen vereinfachen. „Allen wohl und niemand weh“ hat jeder gern, aber es ist unrealistisch. Konflikte aushalten und durchkämpfen, das gehört zur Rolle der Führungskraft. Am besten, wenn im Team (selbst-)kritische Diskussionen geführt werden, die korrigierend wirken.

Gerecht oder fair?

Mit Regeln und Vorschriften soll des Deutschen liebstes Steckenpferd „Gerechtigkeit“ erzielt werden. Wobei es oft gar nicht darum geht selbst mehr zu bekommen, Hauptsache: Die anderen bekommen auch nichts oder weniger. Juristen wissen, dass es die eine Gerechtigkeit nicht gibt. Jede Person hat ihren eigenen Blick darauf was eine gerechte Entscheidung ist. Wichtiger ist, dass es fair zugeht – dass eine Balance zwischen unterschiedlichen Interessen gefunden wird und Kriterien allgemein bekannt wie auch nachvollziehbar sind.

Jede Regel bedeutet Gleichmacherei auf der einen Seite und auf der anderen Seite ein sanftes Ruhekissen. Wir wissen: Schnee sieht aus der Ferne für alle gleich aus, doch schon die Nordländer hatten viel mehr Spezifikationen für Schnee, weil es für sie lebensnotwendig war zu unterscheiden. Die Wissenschaft sagt uns jede Schneeflocke ist einzigartig, es gibt keine zwei gleichen, man muss nur genau genug hinschauen. Wieviel mehr gilt das für Menschen? Wenn ich sie weit genug entfernt betrachte, sehen alle gleich aus. Wie nah darf (muss?) die Führungskraft sie heranlassen, um Unterschiede zu bemerken. Deswegen sind Freiräume zwischen den Leitplanken wichtig, damit sich jeder entfalten und einbringen kann, Freiräume, die aber auch wenn es nötig ist, verändert, eingeengt, erweitert, temporär ausgesetzt oder neu vergeben werden können, ohne dass die Diskussion: “aber der oder die hat ja auch…“, den Flurfunk bestimmt.

Ausnahmen und Anspruch

Ausnahmen sind das Salz in der Suppe. Ein langjähriger Mitarbeiter zieht weit weg, weil seine Lebenspartnerin dort eine neue Stelle antritt. Wir bieten umfassendes Homeoffice an, weil wir ihn schätzen und seine Kompetenz benötigen. Leitet sich daraus für jede/n der Anspruch auf permanentes Homeoffice ab? NEIN! Zeitkonten für Alle, weil ein Kollege ein Sabbatical machen darf? Nein, denn das ist nur machbar, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer das mit gegenseitigem Verständnis planen. Eine automatische Gehaltserhöhung nach zwei Jahren? Gerade bei Gehalt braucht ein Arbeitgeber Flexibilität, um Engagement, Weiterbildung und Performance belohnen zu können, vielleicht auch, um die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt und im Unternehmen zu berücksichtigen. Fairness, null Diskriminierung – das sind die Grenzen, die klar zu ziehen sind. Dafür müssen Kriterien sorgen, denn Entscheidungen nach Gutsherrenart sind der Fairness abträglich. Was wir darunter gemeinsam verstehen, müssen wir immer wieder neu diskutieren.

Unser Jahresthema 2018 bei Storymaker lautet: Wertschätzung und Wertschöpfung. In diesem Zusammenhang finden in allen Teams ausführliche Diskussionen dazu statt, wie MitarbeiterInnen arbeiten wollen. Ich bin erfreut über das Feedback und die vielen Vorschläge. Einige Leitplanken fehlen, haben eine Reparatur nötig oder sind nicht sichtbar – in solchen Fällen hat die Führung Hausaufgaben.  Insgesamt zeigt es, dass MitarbeiterInnen in erster Linie eines wollen: Effizient, effektiv, gut arbeiten. Großes Interesse gilt einer Atmosphäre und Arbeitsbedingungen, die dem Wohl aller nützen – dem Einzelnen, dem Team und der Agentur.

Das hohe Arbeitstempo in der Kommunikationsbranche und der Druck aus Kundenprojekten führt bei Führungskräften wie Mitarbeitern oft dazu, dass diese Diskussionen unter den Tisch fallen. Aber gerade heute ist es wichtig, dass wir uns und die Organisation bewusst weiterentwickeln. Dafür muss es Zeit und Raum geben. In Zukunft, wenn wir weiter mehr werden, die Geschwindigkeit zunimmt und die Künstliche Intelligenz zudem unsere Kreativität fordert, werden wir noch viel mehr Eigensteuerung und gesunden Menschenverstand benötigen.

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