Karriere·Storymaker

Chancengleichheit: Die 20%-RealitÀt der Kreativbranche

Frauenförderung und -netzwerke haben in unserer GeschĂ€ftsstrategie nie eine Rolle gespielt. Dennoch sind wir offenbar stĂ€rker weiblich geprĂ€gt als die ĂŒbergroße Mehrheit der Agenturen. Kein Zufall?

In der Kreativbranche ist jede zweite BeschĂ€ftigte weiblich. Doch nur ein FĂŒnftel der FĂŒhrungspositionen in Agenturen sind von Frauen besetzt, in der Filmindustrie noch deutlich weniger. Diese Zahlen, die vor Kurzem von der Cannes-Lions-Delegation aus Baden-WĂŒrttemberg prĂ€sentiert wurden, haben mich ĂŒberrascht – und erschreckt. Ausgerechnet die Branche, die so modern auftritt, so fortschrittlich und imageprĂ€gend ist, und zudem ihren Kunden Diversity-Themen rauf und runter ins Marketing diktiert, hat bei einem sehr alten Emanzipationsthema enormen Nachholbedarf. Zeit, das zu Ă€ndern!

NatĂŒrlich war ich in den 70ern und 80ern in der Frauenbewegung aktiv und habe mich fĂŒr mehr Chancengleichheit, Frauenbeauftragte, weibliche Formen in der Sprache, Straßennamen, die an erfolgreiche Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen, KĂŒnstlerinnen erinnern, eingesetzt. Ich kenne das Stirnrunzeln von Maschinenbauern, die mir zu Beginn eines Interviews die Frage stellten: „Sie als Frau, verstehen Sie denn 
?“ Weil ich keinen (mĂ€nnlichen) Chef mehr haben wollte, der mir deutlich weniger zutraute als ich mir selbst, entschied ich mich zur GrĂŒndung meines eigenen Unternehmens.

Ich hatte – und habe – kein Programm, um bei Storymaker Frauen zu fördern. Meines Erachtens genĂŒgt ein unverstellter Blick auf die Bewerber. Zwischen 25 und 40, noch keine Kinder – klar, dass die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft naheliegt. Doch das war nie ein Grund fĂŒr einen Minuspunkt – nicht bei der Einstellung, auch nicht fĂŒr die Karriere. Kinder gehören zum Leben und damit auch Schwangerschaften.

So kam es, dass Storymaker heute 70 Prozent Frauen als BeschĂ€ftigte hat, einige davon in Teilzeit. Manche haben zwei, drei Kinder in ihrer Storymaker-Zeit zur Welt gebracht. Im Managementkreis sitzen fĂŒnf Frauen und zwei MĂ€nner. In der GeschĂ€ftsfĂŒhrung steht es fifty-fifty.

Aus- und Teilzeit ist immer wieder ein Diskussionspunkt, wenn es um die BeschĂ€ftigung von Frauen geht. Es ist zu begrĂŒĂŸen, dass heute auch unsere VĂ€ter in Elternzeit gehen und sich auf ihre Familienpflichten berufen, wenn Meetings und Überstunden bis in den Abend gehen.

Diese Beachtung privater Interessen tut allen gut. Das Berufsleben ist stressig (geworden). Und der Stress wird nicht abnehmen. Die Vielzahl der KommunikationskanĂ€le, die Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit, Geschwindigkeit und globales Business – das alles fordert viel. Hier Beruf und dort Privates funktioniert spĂ€testens in FĂŒhrungspositionen nicht mehr. Um so wichtiger ist es, dass wir auf uns und unser Umfeld achten. Eine Mitarbeiterin, die sich fĂŒr Teilzeitarbeit entscheidet, handelt im Einklang mit ihrer familiĂ€ren Verantwortung. Meiner Erfahrung nach sind diese Kolleginnen in ihrer Arbeitszeit hoch konzentriert und sehr effektiv. Und die Kunden? Leider gelingt es nur selten, dass sich zwei TeilzeitkrĂ€fte ein Projekt teilen, weil die KindergĂ€rten und Schulen in Deutschland noch immer auf Vormittagszeiten fokussieren. Die Agentur trĂ€gt dem Rechnung, indem wir Teams entsprechend mischen und zunehmend Tools einsetzen, die jedem Projektmitglied auf einen Blick zeigen wo ein Projekt gerade steht.

VerĂ€ndern mehr Frauen das Arbeitsleben? Beweisen kann ich das nicht. Aber ich bin sicher, dass Vielfalt ein Gebot der Stunde ist. In der Vielfalt leben und sich wohl fĂŒhlen, das Anderssein wertschĂ€tzen, sich und andere respektieren – das verĂ€ndert das Miteinander. Das gilt fĂŒr Genderthemen genau so wie fĂŒr Kultur- oder Altersunterschiede. Dass bei uns inzwischen Chinesen und Japaner arbeiten, hat uns genauso bereichert, wie die starke PrĂ€senz von Frauen in FĂŒhrungspositionen. Als GeschĂ€ftsfĂŒhrer mĂŒssen wir Wege finden, wie wir jedem Einzelnen die Chancen eröffnen, sich mit individuellen StĂ€rken einzubringen.

Die „Girls‘ Lounge“, die Katja Perthel, GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der Internet-Agentur Connect in Karlsruhe, in Cannes besucht hat, scheint hier gute Arbeit zu leisten – fĂŒr Business Women aus der ganzen Welt. Manch große Werbeagentur haben sie wachgerĂŒttelt. Marc Pritchard, Chief Brand Officer von P&G, kĂŒndigte kĂŒhn an, dass er den Anteil von Frauen auf 50 Prozent heben will. Wir arbeiten derweil weiter an der bunten Welt von Storymaker.

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