Digitalisierung·Fertigung

Covid-19: Super-Booster der Digitalisierung

Wie jede Wirtschaftskrise, birgt auch diese Chancen, findet Prof. Dr.-Ing. Werner Bick, Senior Partner bei der ROI-Efeso und Professor an der Technischen Hochschule Regensburg. Er beschäftigt sich seit Jahren intensiv damit, wie Unternehmen den digitalen Transformationsprozess meistern. Welche Gefahren lauern, wenn sie dagegen nicht den Mut aufbringen, Neues zu wagen, lässt sich derzeit gut beobachten. So gesehen, wirkt Covid-19 wie ein Super-Booster der Digitalisierung. In einem Interview mit Mara Ebinger, Storymaker, erläutert er, was für deutsche Unternehmen in Bezug auf Industrie 4.0 grundsätzlich wichtig ist und welche Rolle China dabei spielt.

Prof. Dr.-Ing. Werner Bick, Senior Partner bei der ROI-Efeso und Professor an der Technischen Hochschule Regensburg

Prof. Dr.-Ing. Werner Bick, Senior Partner bei der ROI-Efeso und Professor an der Technischen Hochschule Regensburg

Mara Ebinger: Was ist das Entscheidende für Unternehmen beim Start bzw. bei der Weiterführung ihrer digitalen Transformationsprozesse?

Prof. Dr.-Ing. Werner Bick: Der entscheidende Punkt ist, sich zu Beginn ein Zielbild zu erarbeiten: Wo soll uns das Thema Industrie 4.0 und Digital Manufacturing hinführen? Welche Etappenziele stellen wir uns vor? Unternehmen müssen sich also sehr genau überlegen, wo sie stehen und wo sie hinwollen – in Kombination mit der Frage, welche Möglichkeiten sich dafür bieten. Der Einsatz von modernen Technologien muss damit klar der Fragestellung folgen, womit man einen Mehrwert generieren kann. Und meistens bildet sich der Mehrwert dadurch, dass man kostengünstiger, schneller oder produktiver wird oder dass man seine Qualität steigert.

ME: Wo stehen die deutschen Unternehmen beim Thema Industrie 4.0, auch im Vergleich zu anderen Ländern?

WB: Seit ein paar Jahren herrscht eine echte Aufbruchstimmung. Das hat lange gedauert, bestimmt fünf Jahre. Ich kenne inzwischen kein größeres Unternehmen mehr, das sich nicht auf irgendeine Weise mit dem Thema beschäftigt. Dennoch ist die Priorität, mit der das Thema angegangen wird, oft leider noch etwas überschaubar. Man versucht es, im normalen Tagesgeschäft, bei ohnehin schon überlasteten MitarbeiterInnen unterzubringen, und dann köchelt es auf Sparflamme vor sich hin. Zudem neigen große Firmen und Konzerne durch die komplexen Strukturen zu langwierigen Entscheidungsprozessen. Da sprechen wir schnell mal von Jahren, aber die haben wir nicht mehr.
Insbesondere wenn man China in die Gleichung mit einrechnet. China plant bis 2025 die weltweit führende Industrienation zu sein und dem Ziel ordnen sie alles unter. Sie investieren Milliarden und bauen Smart Factories auf der grünen Wiese.

ME: Ist China eine Bedrohung, weil Deutschland zu langsam bei der Umsetzung der digitalen Transformation agiert?

WB: Ja. Der gesamte organisatorische Prozess ist hierzulande sehr träge. Wir haben in der Regel auch nicht die Mittel und Möglichkeiten, um zu sagen: Jetzt machen wir alles platt und fangen nochmal bei null an. Wir müssen vielmehr aus den bestehenden Rahmenbedingungen etwas machen. Und das ist natürlich aufwendiger und komplizierter. Wenn Sie ein Haus von Grund auf sanieren, müssen sie mehr Arbeit hineinstecken, als wenn sie es abgerissen und neu gebaut hätten. Aber können wir die deutsche Industrie komplett abreißen? Was wird dann mit der laufenden Produktion? Wir sitzen also – anders als z.T. die Chinesen – in einer Zwickmühle. Dort herrscht gerade eine riesige Aufbruchstimmung. Und die Chinesen sind brutal hungrig wie auch die Menschen anderer ostasiatischer Länder allen voran Südkorea. So hungrig wie sie sind, so radikal sind auch ihre Methoden, die sie anwenden.

ME: Könnten Sie das konkretisieren?

WB: Wenn man einen deutschen Mitarbeiter dafür sensibilisieren will, dass es wichtig ist, dass „seine“ Maschine gut läuft. Dann wird oft geantwortet: „Was soll ich denn noch machen?“ Und wenn sie ausfällt, dann steht sie halt. In China herrscht dagegen häufig das „Law-and-Order“-Prinzip: Anweisungen werden konsequent befolgt. Das schlägt sich auch in der Wettbewerbsfähigkeit nieder. So sind mittlerweile bei konzerninternen Vergleichen die Benchmark-Werke nicht selten in China zu finden. Das kann man nicht nur damit erklären, dass sie mehr Leute haben. Ja, die haben sie. Aber unterm Strich sind sie trotzdem preisgünstiger. Da baut sich also schon eine gewisse Bedrohung für uns auf. Wenn die so weitermachen, gibt es bald keine oder kaum noch Argumente, warum man in Deutschland produzieren sollte.

ME: Haben wir also noch eine Chance, dass China uns nicht ausbootet?

WB: Wir haben schon öfter in der Geschichte bewiesen, dass wir wie Phönix aus der Asche auferstanden sind. Dieser Geist ist jetzt wieder gefragt. Im Vergleich zu den aufstrebenden ostasiatischen Ländern leben wir jedoch auf einem durchschnittlich sehr hohen Wohlstandsniveau. Damit sind wir, und das muss man auch gesellschaftskritisch sagen, saturierter. Der Hunger, der unbedingte Erfolgswillen den die Menschen der aufstrebenden Nationen haben, der ist über die Jahre weniger geworden.

ME: Sehen Sie Lösungsansätze, gerade auch für den Mittelstand?

WB: Besonders wichtig ist, dass alle an einem Strang ziehen. Vom Mitarbeiter in jedem Bereich bis zur Managementebene. Das Management muss offen sein für neue Ideen und der Entwicklung solcher Ideen Raum geben und sie fördern. Und bei guten Ideen auch schnell handeln. Die involvierten Mitarbeiter dagegen benötigen genug Freiheiten, wirklich kreativ und offen an die Herausforderungen ranzugehen und Lösungen zu entwickeln. Wenn man es als Unternehmen hinbekommt, ein solches Klima zu schaffen und die richtigen Leute an der richtigen Stelle organisiert mit Freiraum laufen zu lassen – dann ist die Umsetzung von digitalen Lösungen auch schnell machbar. Gerade mit unserem Qualifikationsniveau, in der Fertigungsbranche sowieso, sind das gute Voraussetzungen. Dafür müssen wir aber schnell voneinander lernen und Unternehmen müssen sich dann auch Partner an die Seite holen, die im Bereich Datenmanagement und vernetzte Industrie-4.0-Lösungen unterstützen können.

ME: Stichwort 5G: Ist das die entscheidende Technologie für die Umsetzung der digitalen Transformation in Deutschland?

WB: Für die Industrie ist es entscheidend auf eine Infrastruktur zurückzugreifen, die ein effizientes Arbeiten ermöglicht und in der die Informationen so fließen können wie sie es in der heutigen Zeit müssen. Aktuell haben wir jedoch noch nicht einmal eine flächendeckende deutschlandweite 4G/LTE Abdeckung – genau das wäre allerdings der logische nächste Schritt. Damit wäre uns die nächsten fünf Jahre schon viel geholfen.
Danach müsste die neuste Technologie kommen, mit mehr Bandbreite und einem schnelleren Informationsfluss. Allerdings wird gerne unter den Tisch gekehrt, dass die 5G Technologie auch ihre Schattenseiten hat. Bei der 5G Technologie befinden wir uns in einem extrem kurzwelligen Bereich, um alle Informationen unterzubekommen. Und Kurzwellen haben den Nachteil, dass sie schnell gedämpft werden durch Objekte wie Beton, Holz oder Stahl. Damit die 5G Technologie funktioniert, benötigen wir also ein wirklich engmaschiges Netz an Sendemasten. Im ländlichen Bereich sind wir davon heute noch sehr weit weg.
Wir sollten also erstmal konsequent den nächsten Schritt machen, bevor wir uns schon an den übernächsten machen.

ME: Was möchten Sie unseren Lesern noch mitgeben?

WB: Meine Kernbotschaft an der Stelle ist klar: Man darf nicht glauben, dass der Kelch der Digitalisierung an einem vorübergeht. Man muss sich offensiv und kreativ dem ganzen Thema stellen, und zwar mit einem gewissen Sportsgeist. Wir haben ein neues Ziel, das gehen wir gemeinsam an – und zwar mit einem Plan, den man sich vorher klar machen muss. Zudem muss man es schaffen, seine MitarbeiterInnen richtig und intelligent einzubinden. Da schlummert ein enormes Potenzial. Gerade auch bei den MitarbeiterInnen: die haben oft sensationelle Ideen, unabhängig vom Alter.

Prof. Dr.-Ing. Werner Bick
Senior Partner bei der ROI-Efeso

Prof. Dr. Werner Bick lehrt an der Technischen Hochschule Regensburg, war von 1999-2019 Generalbevollmächtigter der ROI Management Consulting AG, München und ist seit 2019 Senior Partner bei der ROI-Efeso.

Die fachlichen Schwerpunkte von Prof. Dr. Werner Bick liegen in der Verbesserung von unternehmensinterner und -übergreifender Logistik und der Produktionsoptimierung. Werner Bick beschäftigt sich intensiv mit der Unterstützung von Unternehmen im digitalen Transformationsprozess von der Strategie bis zur Implementierung von Industrie 4.0 / IoT-Lösungen.Zuvor arbeitete Prof. Dr. Werner Bick als Logistikleiter und Produktionssegmentleiter für die Knorr-Bremse AG.

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